21. Juli 2011

Atomwaffen: Ein halbes Jahrhundert nach Albert Schweitzer


Pfr. Dr. Clemens Frey, Basel


Schweitzer war nicht der Erste, der auf ein Verbot der Atomwaffen hingewirkt hat. Bereits am 5. September 1945 verlangte das IKRK ein Verbot dieser Waffen. Aber der Appell, den Schweitzer 1958 in drei Sendungen über Radio Oslo in die Welt verbreitete, hat ein grosses Echo ausgelöst.
Wem würde man heute mit einen riesigen Fackelumzug für sein mutiges Wort danken, wie es Schweitzer damals geschehen ist? Nun hat letztes Jahr der Präsident des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz, der Schweizer Jakob Kellenberger, die Stimme erhoben. Er hat es in Form eines Appells getan. Der Anlass war die Internationale Konferenz zum Thema. Der UNO-Generalsekretär, Banki Moon, hat vor dem Gebrauch der Waffen gewarnt. Der amerikanische Präsident Obama hat dabei einen Vorschlag gemacht, den man vor einigen Jahren nicht erwarten durfte: Die USA sind bereit, im atomaren Waffenbereich abzurüsten, keine Atomtests zu unternehmen und ihre Einsatzdoktrin einzuschränken. Auch der russische Präsident gibt Signale in diese Richtung. Dass Politiker aus den verschiedensten Gründen einmal für und einmal gegen A-Waffen sind, hat seine eigene Geschichte. Deshalb ist es entscheidender, wenn die weltgrösste Hilfsorganisation, das Internationale Komitee vom roten Kreuz, plötzlich so klar Stellung nimmt. Denn es ist an die Neutralität gebunden und pflegt sich deswegen nur sehr selten politisch zu äussern. Kellenberger nahm nun die Hoffnung auf Abrüstung auf und nannte sie beim Namen: „Die Existenz von Nuklearwaffen wirft einige der fundamentalsten Fragen auf: An welchem Punkt müssen die Rechte der Staaten den Interessen der Menschheit weichen, wie weit ist unsere Gattung in der Lage, die Technologien, die sie schafft, zu beherrschen, Fragen zur Reichweite des ­Humanitären Völkerrechtes und zum Ausmass menschlichen Leids, das wir bereit sind zuzufügen oder zuzulassen. Diese Debatte muss die Menschen, die grundlegenden Regeln des Humanitären Völkerrechts und die kollektive Zukunft der Menschheit in den Mittelpunkt stellen.“

Diese Aussage spiegelt genau Schweitzers Anliegen damals. Im dritten Appell nahm er diese Themen auf: das unermessliche Ausmass des Leides im Falle einer Anwendung von Atomwaffen und die Frage der unbedingten Verletzung des Völkerrechtes. Und wie Jakob Kellenberger ging er auf die grausige historische Vergangenheit ein, die genug gezeigt hat, um zu wissen, wie überdimensional-schwerwiegend die Atomwaffen sind. Kellenberger zitiert Marcel Junod, der als erster Arzt die Auswirkungen in Hiroshima gesehen hat. Schweitzer schildert in seinem zweiten Appell aufgrund solcher Erfahrungen präzise, wie ein ausbrechender Atomkrieg verlaufen würde. Kellenbergers Aussage: Es fällt „dem IKRK schwer, sich vorzustellen, wie der Einsatz von Nuklearwaffen, in welcher Form auch immer, mit den Regeln des Humanitären Völkerrechts vereinbar sein könnte“, heisst bei Schweitzer: Versuchsexplosionen und die Verwendung von Atomwaffen bedeuten „die denkbar schlimmste Verletzung der Völkerrechte.“ Es gebe für einen Atomkrieg überhaupt keine voraus zu erfüllenden Bedingungen. Denn die Idee, einen solchen Krieg eingegrenzt und an Unschuldigen vorbei führen zu können, ist völlig illusorisch. Die Schweizer Bundesrätin, Micheline Calmy-Rey, hat in gleicher Weise argumentiert. Unmoralisch seien diese Waffen, weil sie noch mehr als Massenvernichtungswaffen seien, nämlich eine „Waffe der völligen Ausrottung.“ Und sie stellt fest: „Wir sehen keine Situation, in der solche Waffen eingesetzt werden könnten, ohne generell gegen das Humanitäre Völkerrecht zu verstossen.“ Damit steht ein weiterer Gedanke im Raum. Ausgerottet würde in einem Atomkrieg nicht allein das menschliche Leben, sondern jegliches Leben. Also auch das Leben der Tiere und Pflanzen, die mit dem Hass der Menschen gegeneinander gar nichts zu tun haben. Dass Menschen dies gedankenlos in Kauf nehmen könnten, widerspricht zutiefst der „Ehrfurcht vor dem Leben“. In den Zusatzprotokollen zur „Genfer Konvention“ heisst es: „Die ausgedehnte, lang anhaltende und schwere Beschädigung der natürlichen Umwelt sind verboten.“ (Zusatzprotokoll I, IV,57) Auch wenn ein halbes Jahrhundert nach Schweitzers Appell die Atomwaffenarsenale nach wie vor gefüllt sind, so sind die Kritiker wenigstens auf dem von ihm vorgegebenen Weg geblieben. Das vereint uns mit denjenigen, die mit demselben Ziel für den Frieden kämpfen. Unterdessen haben wir von der Atomkatastrophe in Japan gehört – ausgerechnet im Land, in dem die einzigen A-Bomben bis heute gefallen sind. Die Gefahr der Atommeiler ist noch keineswegs gebannt. Unvorstellbares könnte noch auf uns zukommen. Es bleibt nur die Hoffnung, dass wir uns in den Befürchtungen irren mögen – und dass ein klares Umdenken endlich Wirklichkeit wird.
(Die ganze Rede von J. Kellenberger kann in der Wochenzeitung „Zeit-Fragen“ Nr. 17, 26.4.2010 online nachgelesen werden).