Prof. Dr. Ernst Luther
Vortrag am 4.6. 2011 anlässlich des 33. Evangelischen Kirchentages in Dresden zum Thema:
„Was würde uns Albert Schweitzer über Politikverdrossenheit sagen?“
Dank für die Einladung; was mir der Dresdner Freundeskreis bedeutet (Dr. Grabs, G. Schwär)
Einstimmung: Was vermag ich nach fast acht Jahrzehnten meines Lebens anderen, besonders jungen Menschen raten?
Wie viel Verantwortung habe ich selbst für die geistige Situation der heutigen Zeit?
Aber kann ich mich deshalb in der heutigen Zeit der Verantwortung entziehen?
Habe ich ein Recht, über Politik verdrossen zu sein, weil die Ideale von 1989 über Gerechtigkeit und Frieden gescheitert sind? So spreche ich, es ist wichtig, sich Marx heute kritisch anzueignen. Viele glauben, das ist alles nicht mehr aktuell.
In meinem Buch „Albert Schweitzer – Ethik und Politik“ gibt es ein Kapitel „Albert Schweitzer und Karl Marx“. Ich versuche darin nicht nur Gemeinsamkeiten und Gegensätze darzustellen, sondern vor allem wie aktuell beider Gedanken für die Gegenwart sind.
Bei allen politischen Themen, die in den beiden vergangenen Tagen bereits besprochen wurden: Frieden, Fukushima, Demokratie, da ist auch mein Herz dabei!
Wenn es also eine Rechtfertigung für mich gibt, hier aus Schweitzers Gedanken Schlussfolgerungen für unsere Zeit zu benennen, so beschreibe ich sie mit dem Buchtitel des jüdischen Historikers Pinchas Lapide: „Aus dem Scheitern hoffen lernen“.
Wie will ich vorgehen?
Als einmal Schweitzer in einer Predigt die Frage stellte, was Jesus sagen würde, hat er Jesus zitiert; so will ich es auch halten. Ich werde Schweitzer zu Wort kommen lassen und Sie mögen entscheiden, ob das, was ich von ihm berichte, dem Thema gerecht wird und ob Sie meinen Schlussfolgerungen zustimmen können.
Zu Schweitzers Zeit war das Wort „Politikverdrossenheit“ nicht gebräuchlich. Um mein Anliegen verständlich zu machen, werde ich Begriffe wählen, die dem nahe kommen.
Solche Begriffe sind bei Schweitzer „Gedankenlosigkeit“ und „egoistische Selbstbehauptung“.
Deshalb möchte ich in einem ersten Abschnitt darstellen, warum ihm diese Haltungen so zuwider waren und warum er sie als seine Gegner bezeichnete.
Weil ich gegen Politikverdrossenheit argumentiere, muss ich etwas darüber sagen, wer an der Verdrossenheit Schuld hat und in unserem Thema auch, wie Schweitzer in einer bestimmten politischen Situation selbst argumentiert hat.
Zu diesem Zweck lenke ich in einem zweiten Abschnitt Ihre Aufmerksamkeit auf eine Zeit 100 Jahre zurück, auf das Jahr 1911, als in Europa höchste Kriegsgefahr herrschte und Helene Bresslau Albert Schweitzer um seine politische Meinung bat.
In seinem Buch Kultur und Ethik bezeichnet Schweitzer im Kapitel „Die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben“ die Gegner seines ethischen Denkens:
„Mit drei Gegnern hat sich die Ethik auseinander zu setzen: mit der Gedankenlosigkeit, mit der egoistischen Selbstbehauptung und mit der Gesellschaft.“
Was die Gedankenlosigkeit betrifft, so sagt er, kümmert man sich um sie zu wenig und unterschätzt sie, weil es „nicht zu offenen Konflikten kommt.“ Sie schadet „unmerklich“.
Die egoistische Selbstbehauptung wird eigentlich nur vorgeschützt, um Pflichten aus dem Weg zu gehen. Und Opfer werden kaum verlangt. Und was jemand da hergibt, ist oft „so unbedeutend, dass er es nicht stärker verspürt, als wenn er ein Haar oder eine Hautschuppe verliert.“
Beides, Gedankenlosigkeit und egoistische Selbstbehauptung hat die Wurzel in dem von Schweitzer kritisierten Zeitgeist der Gesellschaft. Im Schlusswort zu seinem Buch „Aus meinem Leben und Denken“ prangert er die „Missachtung des Denkens“ an, aus der die Gedankenlosigkeit entspringt.
Für mich klingt der Text gar nicht so, als wäre er im März 1931, sondern 2011 verfasst. Ich zitiere:
„Sein ganzes Leben hindurch ist der heutige Mensch also der Einwirkung von Einflüssen ausgesetzt, die ihm das Vertrauen in das eigene Denken nehmen wollen. Der Geist der geistigen Unselbständigkeit, dem er sich ergeben soll, ist in allem, was er hört und liest; er ist in den Menschen, mit denen er zusammen kommt, er ist in den Parteien und Vereinen, die ihn mit Beschlag belegt haben; er ist in den Verhältnissen, in denen er lebt. ...
Wie durch die Lichtreklamen, die in den Straßen der Großstadt aufflammen, eine Gesellschaft, die kapitalkräftig genug ist, um sich durchzusetzen, auf Schritt und Tritt Zwang auf ihn ausübt, dass er sich für ihre Schuhwichse oder ihre Suppenwürfel entscheide, so werden ihm fort und fort Überzeugungen aufgedrängt.“
Über Gedankenlosigkeit und egoistische Selbstbehauptung wird heute in aller Welt geklagt – ich meine damit: nicht nur in Deutschland.
Woher kommt eigentlich Politikverdrossenheit? Ich glaube, sie hat eine Wurzel in der Hilflosigkeit gegenüber einer kapitalkräftigen Macht, die nicht nur Einfluss darauf ausübt, welche Dinge Menschen kaufen und verbrauchen sollen, sondern vor allem, welche Entscheidungen in den Parlamenten der Länder und des Bundes zu fällen sind.
Ulrich Wickert hat z.B. in seinem Buch „Der Ehrliche ist der Dumme“ Beispiele angeführt, wie in Nordrhein-Westfalen CDU und SPD in Absprachen vereinbart haben, was – unabhängig wer die Wahl gewinnt – im Parlament beschlossen wird.
Politikverdrossenheit entsteht oft aus Unwissenheit über die Hintergründe politischer Entscheidungen und äußert sich als eine Form der Gedankenlosigkeit und egoistischer Selbstbehauptung.
Es ist natürlich auch bequem, nach dem bekannten Sprichwort „Jeder ist sich selbst der Nächste“ sich nur um sich selbst zu kümmern und jede Verantwortung für die Dinge, die geschehen, von sich zu weisen.
Fehlende Bereitschaft zum Mitdenken hat auch etwas mit dem Bildungsniveau zu tun. Wir finden die Politikverdrossenheit stärker in jenen Schichten, denen aus ihrer sozialen Situation her der Weg zur geistigen Auseinandersetzung erschwert wird. Aber Politiker haben oft genug auch Menschen, die sich für Politik interessierten, enttäuscht, so dass sie resignieren.
Dazu kommt, dass sich leider als Zeitgeist neben und in der Informationsgesellschaft die „Spaßgesellschaft“ etabliert. Anspruchsvolle Sendungen in Funk und Fernsehen hört und sieht man meist erst in später Abend- oder Nachtstunde. Die sogenannte „beste Sendezeit“ wird den Unterhaltungen gegeben, die im Quotendruck schon kaum noch einen Unterschied zwischen privaten und öffentlich rechtlichen Sendungen zeigen.
Die Folge für junge Menschen ist nicht selten die schlechte Übersetzung der Zielstellung „ich möchte Freude in und mit meiner Arbeit haben“ in „ich mache nur was mir Spaß macht“.
Schweitzer hat zu seiner Zeit folgendes gesagt:
Tut die Augen auf und suchet, wo ein Mensch oder ein Menschen gewidmetes Werk ein bisschen Zeit, ein bisschen Freundlichkeit, ein bisschen Teilnahme, ein bisschen Gesellschaft, ein bisschen Arbeit eines Menschen braucht.“
Diese Aufforderung ist wahrscheinlich allen hier Anwesenden gut bekannt. Sie verlangt nicht viel, keine Opfer, nur das Mitdenken, nur Mitmenschlichkeit.
Das ist für mich die elementarste Stufe des politischen Denkens und der Überwindung von Gedankenlosigkeit und egoistischer Selbstbehauptung.
So weit zum ersten Teil des Vortrages.
Schwieriger wird es, wenn man sich um Politik kümmert, sich um einen Standpunkt bemüht, sich für eine politische Haltung entscheidet. Da ist nicht nur das Denken gefragt, sondern auch Dialog- und Lernbereitschaft.
Ist die Auffassung, die ich unterstützen möchte, richtig? Woran messe ich, was in der Politik unterstützenswert oder abzulehnen ist? Lasse ich mich einmal darauf ein, muss ich Bereitschaft zum Handeln zeigen, muss auch auf Konflikte gefasst sein, muss möglicherweise Freunden widersprechen und werde dafür kritisiert. Also das ist im Unterschied zur Politikverdrossenheit, bei der ich alle Schuld auf andere schieben kann, ziemlich unbequem und manchmal auch anstrengend.
Wie hat in einer solchen Situation Schweitzer reagiert? Das möchte ich im zweiten Teil darlegen.
Albert Schweitzer hat in seinem Leben mehrmals politische Konflikte zu spüren bekommen. Z.B. als er mit Helene zu Beginn des Ersten Weltkrieges in Gefangenschaft geriet, nach Frankreich unter schlimmen Bedingungen interniert wurde, als er zusehen musste, wie seine Schwiegereltern 1918 aus Frankreich vertrieben wurden und er für Helene und sich um die französische Staatsbürgerschaft kämpfte. Schließlich als Helene mit ihrer Tochter vor der faschistischen Barbarei über die Schweiz und Frankreich in die USA emigrierte. Es ist sicherlich gut bekannt, dass er ein Gegner der Versuche mit Atomwaffen war und dass er, 1949 in den USA noch hoch gelobt, ab 1957 kritisiert und schließlich unerwünschte Person wurde.
Doch nicht darüber möchte ich sprechen, sondern über einen Konflikt, der ihm viel mehr ans Herz ging, denn erstens ging es um seine Pläne für Lambarene und zweitens wurde er in einen politischen Streit mit seiner engsten Partnerin, mit Helene verwickelt.
Vor 100 Jahren, im Jahr 1911, befand sich Europa in einer schweren politischen Krise und bereits in dieser Zeit am Rande eines Weltkrieges. Es ist die Zeit der sogenannten zweiten Marokko-Krise: Die Kolonialinteressen Deutschlands und Frankreichs trafen in Afrika aufeinander. Französische Truppen besetzten Fes, die deutsche Regierung schickte das Kanonenboot „Panther“ nach Agadir.
Helene Bresslau ist seit 1910 examinierte Krankenschwester, Albert Schweitzer hat seine ärztliche Ausbildung beendet, beide planen für Juni/Juli 1912 ihre Hochzeit und dann die Reise nach Lambarene, d.h. nach Französisch-Äquatorial-Afrika. Was wird aus „ihrem Congo“, wenn deutsche Truppen die Kolonie besetzen? Seit Juli 1911 spitzt sich die Lage zu.
In mehreren Briefen bittet Helene Albert, ihr seinen Standpunkt zu erklären:
„Ich wäre dir so dankbar, wenn du mir auch einmal etwas genauer sagtest, wie du denkst, nicht nur mit so ein paar Schlagworten ohne Zusammenhang. Leb wohl - & wenn du mich für ein vollkommenes politisches Schaf halten musst, so behalt mich trotzdem ein klein bissel lieb!“
Es war nicht ihr erster Gedankenaustausch und Helene wusste um ihre unterschiedlichen Standpunkte. In Berlin aufgewachsen und preußisch erzogen, nahm sie politisch für Deutschland Partei. Auch Frankreich wollte sie in Schutz nehmen. Beide Länder, so meinte sie, wollten keinen Krieg, „den will nur England!“
Albert hatte aus seiner elsässischen Sicht mit ziemlicher Konsequenz versucht, schon am 5. August die Gefahr zu erklären, was es bedeutet, wenn deutsche Truppen die französische Kolonie besetzen:
„...dann ist mein Plan, ein Menschheitswerk mit beiden Nationen zu gründen, unmöglich.“
Drei Tage später antwortet Helene, wenn „unser Congo“ wirklich deutsch werden sollte. „so musst du grade hin...“
Nach dem langen hin und her kommt am 28. August Alberts ausführliche Antwort:
„Ich bin weit davon entfernt, Sie für ein politisches Schaf zu halten! Aber dies eine Mal sehen Sie die Hintergründe nicht.“ ((Bemerkung zu „Sie“ und „Du“ im Briefwechsel))
Und dann folgt eine ausführliche Analyse über die militärischen Interessen Deutschlands, im Atlantik einen riesigen Militärhafen zu besitzen. Er nennt auch die ökonomischen Interessen der Gebrüder Mannesmann, noch viele Bergwerke und viel Land zu kaufen. Alberts Konsequenz lautet:
„Es ist der wahnsinnige Nationalismus, der immer in erster Linie kommt. Dann ist für mich kein Platz, in so unsinnigen Übergangszeiten will ich mich nicht zerquälen!“
Schließlich möchte er Helene versöhnlich beruhigen:
„Du weißt, dass ich Deutschland nicht hasse sondern verehre. Aber dieser Größenwahn, dem Anstand, Ehrlichkeit, Moralität etc. nicht mehr sind als leere Begriffe, ist dieses Volkes unwürdig. ... Ist das ein politischer Brief, mein kleines Schaf? Sogar die Tinte ging mir dabei aus.“
Es ist anzunehmen, dass er mit dem von Helene selbst gebrauchten Wort „politisches Schaf“ Helene verletzt hat, denn nach einem nochmaligen Versuch, seinen Standpunkt zu erklären, reagiert sie am 2. September ziemlich verzweifelt:
„Wir wollen nie mehr von Politik sprechen & der Himmel gebe, dass sie keine Rolle in unserem Leben zu spielen hat.“
Einen Tag darauf, am 3. September, hat Schweitzer eine Predigt zu halten. Das Thema lautet: „Selig sind die Sanftmütigen – Mt.5,5“. Hinter die Überschrift setzt er im Manuskript als Notiz das Wort „(unpolitisch)“. Die Predigt beginnt so:
„In den letzten Wochen hat jeder, der an dem Geschehen der Welt innerlich teilnimmt, Traurigkeit gehabt, da er sah, wie in dem, was die Völker miteinander zu verhandeln haben, alles auf nackte und brutale Macht gestellt wird. Um einiger Fetzen Land willen, die noch zu vergeben sind, erhalten sie sich in den unsinnigsten Rüstungen, ruinieren sich, lassen so viel Notwendiges ungetan und lassen es darauf ankommen, dass auf kurz oder lang ein furchtbarer Krieg diesen unhaltbaren Zuständen irgendwie ein Ende setzt.
Ich weiß nicht, ob ihr darunter leidet wie ich. Ich sehe, was die Welt werden muss, wenn sie auf ihre wahre Zukunft ausgehen will, und wie sie sich jetzt auf einen Weg verliert, der sie abwärts statt aufwärts führt und die Völker, und damit auch die Einzelnen, einer Verrohung des Geistes ausliefert – und wer die Geschichte kennt, weiß, dass ein einmal betretener Irrweg die Menschheit jahrhundertelang in der Irre führen kann.“
So reagierte Schweitzer, als er fürchten musste, die Gemeinde sieht keinen Ausweg und resigniert. Er fürchtete gedankenloses Nachplappern der nationalistischen Hetzreden in allen Ländern. Er hatte zu spüren bekommen, wie schwer es ist, die Kanonenbootpolitik der deutschen Machthaber, das imperiale Streben der britischen und das Besitzinteresse der französsischen zu durchschauen und wie leicht, die Völker gegen einander aufzuwiegeln.
Deshalb mahnte er, über die Folgen nachzudenken, rief zur Sanftmut, d.h. zur Verständigung, zum Frieden auf. Natürlich musste schon damals jede/jeder Einzelne selbst entscheiden, welche Schlussfolgerung sie/er für sich aus der Predigt zieht.
So sehe ich auch unsere Situation heute:
Ich finde z.B., dass die Resolution der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (ASF) gegen die Abschiebung von Roma in den Kosovo ein wichtiges Zeichen des 33. Kirchentages ist.
Es betrifft etwa 10.000 Menschen, die vor Jahren aus den Kriegswirren im Kosovo geflohen sind. Mit dem Argument, sie seien Wirtschaftsflüchtlinge, will die Regierung sie abschieben.
Auf dem Programm des Kirchentages stand gestern ein Vortrag des Verteidigungsministers de Maizière zum Thema: „Und sie hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen“.
Wir alle haben im Ohr die Worte, dass die wirtschaftlichen Interessen Deutschlands in Afghanistan verteidigt werden müssen. Worin unterscheiden sich eigentlich die wirtschaftlichen Interessen vor 100 Jahren von denen in der Gegenwart? Damals schickte die Regierung ein Kanonenboot an die afrikanische Küste und heute? Wir sollten genau prüfen, was Politiker sagen und was sie wirklich tun. Politikverdrossenheit entschuldigt nichts!
Über die Folgen der Politik nachzudenken ist Sache der Einzelnen. Dazu aufzumuntern, aus der Geschichte Lehren zu ziehen, sehe ich als einen möglichen Weg und wünsche mir, Sie als Partner zu gewinnen, um Gedankenlosigkeit, egoistische Selbstbehauptung und Politikverdrossenheit zu überwinden.
Danke