3. April 2011

Wider das Vergessen

Wider das Vergessen
Der Abwurf der Atombomben am 6. August 1945 auf Hiroshima und am 9. August 1945 auf Nagasaki waren völkervernichtende Katastrophen, an deren Folgen noch heute die wenigen noch Überlebenden und die nachfolgenden Generationen zu  leiden haben. Als Albert Schweitzer nach neun Jahren ununterbrochenem Aufenthalt in Lambarene im Oktober 1948 wieder nach Europa kam, musste er feststellen, dass nach diesem  furchtbaren 2. Weltkrieg und den atomaren Bombenabwürfen in Japan, die Aufrüstung und die Produktion von massenvernichtenden Atomwaffen bereits wieder in vollem Gange war. Die Sorge um eine künftige nukleare Kriegführung ließ in für den Rest seines Lebens nicht mehr los. Den zentralen Begriff, den er nach langem Suchen im Jahre 1915 fand, die „Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben“, war für ihn Veranlassung, alles zu tun, damit der atomaren Gefahr Einhalt geboten wird. Als über 70-jähriger machte er sich sachkundig über die Kernspaltung, die Gefahren und deren Folgen für die Menschheit. Im Kampf gegen die atomare Bedrohung hatte er persönlich oder brieflich mit  Wissenschaftlern Verbindung, die ihn nicht nur unterstützten, sondern auch dazu bewegten, seine Stimme zu erheben. Die bedeutensten Persönlichkeiten waren Albert Einstein, Linus Pauling, Bertrand Russel, Werner Heisenberg, ja er appellierte auch an das Veranwortungs-bewusstsein von John F. Kennedy und Nikita Chruschtschow.
Es sei erinnert an:
-den offenen Brief vom März/April 1954 an die Verantwortlichen Politiker der Welt. Er schreibt dort  „…Es  gibt in der Welt zu viele Konferenzen und es werden zu viele Beschlüsse gefasst. Erforderlich wäre, dass die Welt auf die Warnrufe der einzelnen Wissenschaftler hörte, die dieses furchtbare Problem verstehen.“ Das Original ist am 14. Aprll 1954 im Daily Herold, London erschienen.

-das Schreiben von Albert Einstein  an Noel Martin kurz vor seinem Tod 1955. Er schreibt „Wir können nur unablässig immer und immer wieder warnen; wir können in unserem Bemühen nicht erlahmen den Völkern, zumal ihren Regierungen , das unerhörte Unglück bewusst zu machen, das sie mit aller Bestimmtheit heraufbeschwören…“.

-den Aufruf Bertrand Russels vom 9. Juli 1955 im Namen von Atomwissenschaftlern anlässlich einer Pressekonferenz in London. Unterzeichner waren die Professoren Max Born, P. W. Bridgeman, Albert Einstein, L. Infellt, J. F. Joliot-Curie, H. J. Muller, Linus Pauling,  C. F. Powell, J. Rotblat, Hideki Yukawa und Bertrand Russel.



-an die Verleihung des Friedensnobelpreises des Jahres 1952 an Albert Schweitzer, den er am 4. 11. 1954 in Oslo entgegennahm. In seiner Dankrede sprach er über „Das Problem des Friedens in der heutigen Zeit“. Er sagte: „…was uns eigentlich zu Bewusstsein kommen sollte und schon lange zuvor hätte kommen sollen, ist dies, dass wir als Überrmenschen Unmenschen geworden sind. … Mögen die, welche die Geschicke der Völker in den Händen haben, darauf bedacht sein, alles zu vermeiden, was die Lage, in der wir uns befinden, noch schwieriger gestalten und uns noch weiter gefährden könnte…“.

-die Göttinger Erklärung vom 13. April 1957 in der auf die lebensausrottende Wirkung von Atomwaffen, für die keine natürliche Grenze bekannt ist. Sie erklären sich bereit, die friedliche Anwendung der Atomenergie mit allen Mitteln zu fördern. Unterzeichner waren Fritz Bopp,  Max Born, Rudolf Fleischmann, Walter Gerlach, Otto Hahn, Otto Haxel, Werner Heisenberg, Hans Kopfermann, Max v. Laue, Heinz Maier-Leibnitz, Josef Mattauch, Friedrich-Adolf Paneth, Wolfgang Paul, Wolfgang Riezler, Fritz Strassmann, Wilhelm Walcher, Carl Friedrich Frhr. V. Weizsäcker, Karl Wirtz.


-den Mahnruf Albert Schweitzers an die Weltöffentlichkeit vom 23. April 1957 über den Sender Oslo. Hierüber berichtete auch die Lausitzer Rundschau am 24. April1957.

Albert Schweitzer sagte in seinem Mahnruf „Wenn uns immer wieder von amtlicher oder nichtamtlicher Seite versichert wird, dass eine festgestellte erhöhte Radioaktivität der Luft noch nicht über das hinausgeht, was der menschliche Körper ohne Schaden ertragen könne, so ist dies ein Vorbeireden am Problem“.

   -die Resolution, die Linus Pauling am 14. Januar 1958, dem 83. Geburtstag von Albert Schweitzer in New York eine von 9236 Wissenschaftlern, darunter Schweitzer, der UNO übergab mit der Forderung atomare Waffen zu vernichten.

-die eindringlichen Appelle Albert Schweitzers, die Radio Oslo am 28., 29., und 30. April 1958 gesendet hat. Sein Ziel war, die Regierungen der Welt zu mahnen, weil  eine weltweite Ächtung und Vernichtung von Atomwaffen  bisher nicht erreicht wurde. Hinsichtlich der Auswirkung der atomaren Strahlung auf die Menschen und die Natur sagte er „Fort und fort redet man uns von einem erlaubten Maximum der Bestrahlung, Wer denn hat es erlaubt? Wer denn ist  befugt, es zu erlauben….Die Menschheit ist durch die Versuche gefährdet. Die Menschheit verlangt ihr Aufhören. Sie hat das Recht dazu. Wenn in dem, war unsere Zeit noch an Kultur besitzt, noch etwas von wirksamem Völkerrecht erhalten ist oder wieder aufkommt, müssen die Völker…darauf verzichten. Es ist keine Zeit zu verlieren.“

-die vielfältigen Appelle und Mahnungen von den Evangelischen Kirchleitungen, insbesondere von Martin Niemöller und Papst Pius XII. 1954.

-die im September 1964, von Albert Schweitzer, kurz vor seinem 90. Geburtstag in Lambarene aufgenommene Mahnung an die Regierungen und Völker der Welt: „Mein Wort an die Menschen“.  Abschließend sagt er „ Mögen sie… bis an die äußerste Grenze des Möglichen gehen, damit dem Geiste der Menschlichkeit und der Ehrfurcht vor dem Leben zum Erstarken und zum Wirken Zeit gegeben werde“.

Deshalb haben die vielfältigen Appelle noch heute volle Gültigkeit!

Seitdem sind Jahrzehnte vergangen, doch die Atomwaffen sind noch immer vorhanden. Haben die heutigen Politikergenerationen nichts aus den mit aller Deutlichkeit dargestellten Gefahren gelernt? Wenn Wissenschaftler damals auf die nuklearen Gefahren durch Atomwaffen aufmerksam gemacht haben, so sind es heute die Gefahren durch die vielen Kernkraftwerke, davon allein 153 in Europa. Alle Regierungen und die Betreiber dieser Kraftwerke beteuern ständig, dass sie die höchsten und technisch ausgereiftesten Sicherheitsstandards haben. Wer bestätigt denn diese Behauptungen? Die nukleare Katastrophe 1986 in Tschernobyl, das erneute Reaktorunglück in Fukushima zwingen zum Handeln. Ist die Lösung, dass man die strahlenden Rückstände in Betonsarkophage einhüllt und alles den nachfolgenden Generationen überlässt? Es sind noch keine Maßnahmen von den verantwortlichen Politikern zu erkennen, da wird gleich von der Erhöhung der Strompreise geredet, der Profit der Betreiber der Kernkraftwerke hat höchste Priorität.
Die Regierungen sollten nicht in monatelangen Verhandlungen, vielen Diskussionen in Arbeitskreisen, eine Lösung suchen. Taten sind gefragt, denn es ist Eile geboten.
In unserem Land verhandeln darüber die Ministerpräsidenten von fünf Bundesländern, der Wirtschaftsminister und die Bundeskanzlerin. Es geht um alle Menschen in Deutschland.
Die weisen Worte von Linus Pauling und Albert Schweitzer sollten die Richtschnur für alle Entscheidungen sein:



Albert Schweitzer:

„Auf die Füße kommt unsere Welt erst wieder, wenn sie sich beibringen lässt, dass ihr Heil nicht in Maßnahmen, sondern in neuen Gesinnungen besteht.




NIederlausitzer Albert-Schweitzer-Freundeskreis
Alfred Ullmann

Literaturnachweis.
Albert Schweitzer, Verlag C. H. Beck München 1958 „Friede oder Atomkrieg“
Günther Heipp, Herausgeber, Herbert Reich-Evangelischer Verlag-Hamburg 1965  „Es geht ums Leben“
Peter Münster, Verlag Neue Stadt 2010 „Albert Schweitzer –Der Mensch-Sein Leben-Seine Botschaft“