30. März 2011

Karajan hört Albert Schweitzer

Karajan und Albert Schweitzer
Klaus-Dieter Voigt
Auf der Fahrt nach Weimar zur Mitgliederversammlung des Albert-Schweitzer-Komitees e.V. vertiefte ich mich in ein Buch von Eliette Karajan, die ihr Leben an der Seite des großen Dirigenten beschreibt.
Da tauchte am Anfang der Name SCHWEITZER auf und ich las plötzlich intensiver, denn als junges Mädchen hatte Eliette eine Berufsidee.
"Eine Weile liebäugelte ich mit Medizin, wollte- wie Albert Schweitzer- als Ärztin das unmenschliche Leiden in der Welt lindern; doch es kam ganz anders."
Quelle: Eliette von Karajan- Mein Leben an seiner Seite, ISBN 978-3-548-37279-2,UllsteinVerlag, Seite 26

Sie wurde von Christian Dior entdeckt, arbeitete kurze Zeit als Fotomodell.und lernte so  auch Herbert von Karajan kennen.

"Karajan, war bereits ins nächste Projekt vertieft und bat den berühmten Hornisten Dennis Brain, bei einer Aufnahme von Pietro Mascagnis Oper Cavalleria Rusticana, einem Eifersuchtsdrama vor sizilianischer Kulisse, den Orgelpart zu spielen - ein Instrument, das dieser ebenfalls brillant beherrschte.
Herbert und Dennis verband nicht nur die Leidenschaft für die Musik, beide liebten auch den Rausch der Geschwindigkeit. Der begeisterte Sportwagenfahrer Brain bezahlte diese Passion jedoch mit dem Leben - er starb 1957 bei einem Autounfall nach einem Konzertauftritt auf der Fahrt von Edinburgh nach London.
Was Herbert zutiefst bestürzte, ihn aber keineswegs davon abhielt, das Gaspedal weiterhin bis zum Anschlag durchzudrücken.
Ich bin Dennis Brain nur wenige Male persönlich begegnet, aber durch ihn kamen Herbert und ich in den Genuss eines ganz außergewöhnlichen Erlebnisses.
Nach den besagten Aufnahmen der Cavalleria Rusticana erwähnte Dennis so nebenbei, in der kommenden Woche würde sich Albert Schweitzer, der Urwalddoktor aus Lambarene, in London aufhalten und die neue Orgel in der Royal Festival Hall ausprobieren - unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Schweitzer hatte ausdrücklich darauf bestanden, dass die Presse nichts davon erfuhr, und bis auf Herbert und mich hatte Dennis auch niemanden eingeweiht.
Herbert reagierte wie elektrisiert auf diese Ankündigung; ihm war bekannt, dass der gebürtige Elsässer Schweitzer ein begabter Organist war und selbst bereits verschiedene Orgeln konstruiert hatte. Auch Schweitzers Schriften zu den Werken Johann Sebastian Bachs nahm er immer wieder gern zur Hand. Zudem bewunderte er den großen Mann für seine kompromisslose Haltung als Mensch und Arzt, der sich dem Wohl anderer in einer der ärmsten Regionen der Welt mit seinem ganzen Können und allen Fasern seines Herzens verschrieben hatte.
Kein Wunder also, dass Herbert bei dieser Probe unbedingt dabei sein wollte, und Dennis erfüllte ihm diesen Wunsch mit dem größten Vergnügen. So kam es also dazu, dass wir voller Konzentration in der ansonsten menschenleeren Konzerthalle andächtig einem Mann lauschten, der nach ein paar furiosen Aufwärmübungen seine ganze Seele in die Toccata und Fuge in d-Moll von Johann Sebastian Bach legte und diesen einzigartigen, wahrlich »königlichen« Klangkörper mit seinem ergreifenden Spiel ausfüllte.In jenem magischen Moment fühlte ich mich völlig eins mit der Musik. Die Töne, die dieser wunderbare alte Herr mit dem imposanten Schnurrbart dem Instrument entlockte, vermittelten mir eine Ahnung von dem, was man als »himmlische Musik, die die Seelen erzittern lässt«, so oft in der Literatur beschrieben findet. Auch Herbert war ganz in sich versunken, die Augen wie immer geschlossen, hatte er zugehört und mir, nachdem der letzte Ton verklungen war, mit einem Blick zu verstehen gegeben, wie sehr ihn das Spiel des Nobelpreisträgers von 1952 berührt hatte."
Quelle: Eliette von Karajan- Mein Leben an seiner Seite, ISBN 978-3-548-37279-2,UllsteinVerlag, Seite 46-47

Hintergründe:
Im Herbst 1955 unternahm Albert Schweitzer Reisen nach England, Frankreich, Deutschland und der Schweiz.
Quelle: Ursula Müller."albert Schweitzer- Leben und Werk", www.wachstum-impulse.de

"Albert Schweitzer, 80, elsässischer Humanist, Arzt, Schriftsteller und Friedensnobelpreisträger, traf in der vorletzten Woche zur Entgegennahme des englischen "Order of Merit" (Verdienstorden) und der Ehrendoktorwürde der Universität Cambridge völlig übermüdet in London ein, weil er die Eisenbahnreise vom Elsaß nach London in der 3. Klasse unternommen hatte."
Quelle: Spiegel 4/1955

Dennis Brain:
1921-1957 britischer Hornist
Quelle: Wikipedia
http://de.wikipedia.org/wiki/Dennis_Brain