17. Februar 2011

Gedanken

Gedanken zu einer Predigt Albert Schweitzers
Leonore Englmaier, Dresden
Am Sonntag, den 1. Dezember 1918 hielt Albert Schweitzer eine Predigt zu Sankt Nicolas in Straßburg. Seine Predigt war dem Gedächtnis der Toten des Ersten Weltkrieges gewidmet.
Einige Gedanken aus der Predigt:

„Wie wollen wir Ihr Gedächtnis feiern? Seid ihr schon einmal hinter dem Sarg eines Menschen, der für euch ein Stück Leben bedeutete, dahingegangen und habt da im plötzlichen Entschluss euch mit diesen, dem Leben schon Entrückten, durch ein Gelöbnis verbunden, indem ihr den Entschluss fasstet, im Gedenken an ihn hinfort etwas zu meiden oder zu tun? So glaube ich, müssen wir Menschen aller Völker denen, die im Krieg gefallen sind, etwas geloben!“
Am 21 März 1913 reisten Helene und Albert Schweitzer zum ersten Mal nach Lambarene. Am 1. März 1914 begann der Erste Weltkrieg. Albert Schweitzer und seine Frau waren Deutsche in einer französischen Kolonie und erhielten sofort Hausarrest mit dem Verbot der ärztlichen Tätigkeit. Er nutzte die Zeit und arbeitete an der „Kulturphilosophie“ (Band 1 und 2), die 1929 erschien. Es kamen trotzdem Kranke und man ließ zu, dass er sie behandelte. Es gab keinen weiteren Arzt in der Umgebung.
Im September 1917 erfolgte der Rücktransport nach Europa. Zuerst sind Helene und Albert Schweitzer in Bordeaux, später im Gefangenenlager Garaison (Pyrenäen) St. Remy (Provence) interniert.
Im Juli 1918 kehrten sie nach Straßburg und Günsbach zurück. Nach einer Darmoperation erhält er erneut ein Vikariat an Sankt Nicolas zu Straßburg. Aus dieser Zeit stammt diese Predigt.
Was geloben die Menschen der vom Krieg betroffenen Völker ihren Gefallenen? Sie wollten dafür sorgen, dass es nie wieder Krieg gibt. Der Kampf um die Erhaltung des Friedens war damals wohl nicht stark genug. Am 1. September 1939 begann der Zweite Weltkrieg. In diesem Krieg war alles noch viel schlimmer. Es gab viel mehr Gefallene, Ermordete, Leidende, Verletzte und Bombenopfer in vielen Ländern.
Diesen Krieg habe ich als Kind miterlebt. Zum Glück habe ich den Krieg erst gegen Ende „hautnah“ ertragen müssen. Es kam im Frühjahr 1945 zu Tieffliegerangriffen, Artilleriebeschuss und Bombenabwürfen auf die Anlagen der Steinkohleschächte Zwickau, Oelsnitz/Erz. und Lugau, meine Heimat. Nach Ende des Krieges haben wir noch lange gehungert und gefroren.
Gott sei Dank leben wir nun 65 Jahre in Frieden. Der Kampf um die Erhaltung des Friedens, besonders in den Ostländern Europas, hat größeren Erfolg als nach dem Ersten Weltkrieg. Das Gelöbnis: Nie wieder Krieg!, wurde und wird  von den Menschen der beteiligte Länder doch ernster genommen. Die „Kriegsgeneration“ gibt es bald nicht mehr. Nun müssen die Nachkriegsgenerationen den Kampf um die Erhaltung des Friedens weiterführen.
Albert Schweitzer sagt dazu in seinem kleinen, aber so wichtigen Buch Die Lehre von der Ehrfurcht vor dem Leben:
„Weil offenbar ist, welch ein furchtbares Übel ein Krieg in unserer Zeit wäre, darf nichts unversucht bleiben, ihn zu verhindern. Wir haben uns in den beiden letzten Kriegen grausiger Unmenschlichkeit schuldig gemacht und würden es in einem kommenden noch weiter tun. Dieses quälende gemeinsame Erlebnis muss uns dazu aufrütteln, alles zu wollen und zu schaffen, was eine Zeit heraufführt, in der Kriege nicht mehr sein werden.“
Ich komme noch einmal auf Albert Schweitzers Predigttext zurück:
„… seid ihr schon einmal hinter dem Sarg eines Menschen, der für euch ein Stück Leben bedeute, dahingegangen…?“
Ich bin mit neun Jahren hinter dem Sarg meines Vaters und 1945 mit 15 Jahren, hinter dem Sarg meiner Mutter hergegangen. Der Tod meiner Mutter, eine Folge des Hungerns nach dem Krieg, war das schlimmste in meinem bisherigen Leben. Als mein Vater starb hatte ich noch meine Mutter, die ich sehr liebte.
Aber nach dem Tod meiner Mutter war ich, bis auf einige Verwandte und Bekannte, allein.
Mein damals noch kindlicher Glaube half mir sehr. Ich glaubte, dass unsere Eltern immer bei mir sind, auch wenn ich sie nicht sehen kann.
Da wurde mir klar, dass ich mich so verhalten und so handeln werde, damit meine Eltern sich über mich freuen. Sie sollten wegen mir nicht traurig sein. Das habe ich meinen Eltern im Stillen gelobt. Das ist natürlich nicht immer gelungen.
So haben meine verstorbenen Eltern mein Handeln und Verhalten über 60 Jahre, bis heute mitbestimmt. Natürlich wird man mit zunehmendem Alter stärker selbstbewusst. Man erkennt falsches Verhalten oder Handeln, versucht Fehler wieder gut zu machen. Bei Menschen kann man sich entschuldigen und um Verzeihung bitten. Albert Schweitzer hat in seiner Predigt vom 1. Dezember 1918 das gesagt, was ich damals genau so erlebte.
Ich hatte natürlich noch ein großes Vorbild. Schon bald nach dem Tod meiner Mutter „begegnete“ ich A. Schweitzer. Seine Lehre der Ehrfurcht vor dem Leben bestimmt bis heute mein Verhalten. Natürlich verstoße ich auch heute noch ab und zu gegen das Prinzip dieser Lehre. Wir sind ja nicht fehlerfrei. Ich wünsche mir so sehr, dass die Ehrfurcht vor dem Leben viele, besonders junge Menschen, erfasst. Daran sollte sich ihr Handeln und Verhalten orientieren.
Dresden, im Februar 2011