30. Dezember 2010

In der Adventszeit 2010 gelesen

  Prof. Dr. Ernst Luther
In der Adventszeit 2010 gelesen
Zwei sehr unterschiedliche Bücher über das Leben und Werk Albert Schweitzers kamen vor dem Jahresende in meine Hände:
Clemens Frey: Christliche Weltverantwortung bei Albert Schweitzer mit Vergleichen zu Dietrich Bonhoeffer und
Peter Münster: Albert Schweitzer. Der Mensch – Sein Leben – Seine Botschaft


Das Buch von Clemens Frey ist eine Dissertationsschrift und bereits 1993 in der Reihe „Albert-Schweitzer-Studien“ als Band 4 im Verlag Paul Haupt, Bern - Stuttgart – Wien erschienen. Nachdem mir Clemens Frey einen freundlichen Brief zu meinem Buch „Albert Schweitzer – Ethik und Politik“ zukommen ließ und zugleich einige Aufsätze hinzufügte, in denen er den politisch denkenden und handelnden Albert Schweitzer würdigte, bemühte ich mich um seine Arbeit. In Weimar war sie nicht vorhanden und Frau Lepper teilte mir mit, dass sie vergriffen ist. So bat ich den Autor, ob er mir behilflich sein könnte. Er war es und schickte mir dankenswerter Weise ein Exemplar, das ich nun der Gedenkstätte  in Weimar als Dauerausleihe zur Verfügung stellen werde.
Beide Bücher sind von engagierten Schweitzer-Freunden geschrieben. Natürlich ist eine Dissertation eine streng wissenschaftliche Arbeit mit umfangreichen Quellennachweisen und eine fast unerschöpfliche Fundgrube zu theologischen Themen wie „Schweitzers Verhältnis zur Kirche“, „Das Gebet bei A. Schweitzer“, „Dogma und Glauben“, zu seiner Mystik, seinem Weltverständnis sowie zur „Entwicklung der Idee des Reiches Gottes nach A. Schweitzer“.
Die Biographie von Peter Münster ist bewusst einfach geschrieben, verzichtet auf die Quellennachweise im Text und ist mit eindrucksvollen Bildern versehen. „In diesem Buch liegt der Schwerpunkt auf der Lebensgeschichte Albert Schweitzers“ schreibt er auf S. 155. Allein 120 Seiten umfasst der Teil „Das Leben“, weniger als 20 Seiten sind dem „Werk“ Lambarene gewidmet; 30 Seiten enthalten im Abschnitt „Die Botschaft“ über die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben. Humoristische Anekdoten und Verweise auf die Aktualität des Werkes schließen sich in kurzen Teilen an.
Münster hält sich im wesentlichen an die autobiographischen Schriften Schweitzers, ergänzt durch die Briefe zwischen Albert und Helene aus den Jahren 1902 bis 1912 und die schöne Biographie von Verena Mühlstein über Helene Bresslau-Schweitzer. Es ist nicht seine Absicht, Neues über Schweitzer zu vermitteln. Zwar werden alle Nachlasswerke im Literaturanhang benannt aber keines für den Inhalt benutzt. Münster erklärt sein Ziel am Schluss des Buches mit einem „persönlichen Wort“:
„Beim Schreiben hatte ich auch Leserinnen und Leser im Blick, die zuvor noch nicht viel von Albert Schweitzer gehört haben; Menschen, die offen sind für die kraftvolle Güte und Liebe, wie sie Schweitzer ausstrahlte; Menschen, die auf der Suche sind nach glaubwürdigen ethischen Konzepten; Menschen, die sich nicht abfinden wollen mit der emotionalen Verrohung und Abstumpfung in Politik und Wirtschaft; Menschen, die nicht resignieren angesichts des globalen Raubtier-Kapitalismus; Menschen, die den Mut haben, Liebe und Herzenswärme in diese Welt zu tragen und dafür in Kauf nehmen, als naive >>Gutmenschen<< belächelt zu werden; Menschen, die nach Vorbildern suchen, um Orientierung zu finden in dieser hektischen Welt; Menschen, die nicht nur jammern über die negativen Entwicklungen und Zustände auf diesem Planeten, sondern mithelfen und anpacken wollen, um Not zu lindern und Missstände zu beseitigen.“ (S. 227/228)
Diese Absicht, so scheint mir, ist ihm gelungen und macht das Buch lesenswert. Wer den Weg von Albert Schweitzer und Helene Bresslau von ihrer Kindheit und Jugend bis ins hohe Alter nachlesen möchte, wird vielleicht sogar angeregt, zu den Quellen selbst zu greifen: dem Briefwechsel sowie den Erinnerungen „Zwischen Wasser und Urwald“ und „Aus meinem Leben und Denken“.
Zwei Dinge sind zu beanstanden: Auf S. 147 behauptet Münster, Schweitzer habe die Ehrendoktorwürde zum Dr. med. h c. der Humboldt-Universität Berlin nicht persönlich entgegen nehmen können. Ausführlich ist der Bericht von Gerald Götting über den 6. August 1961 nachzulesen im Buch von Siegwart-Horst Günther und Gerald Götting: „Was heißt Ehrfurcht vor dem Leben? Begegnung mit Albert Schweitzer“ Berlin 2005. Zum anderen ist zu wünschen, dass als Kontaktadresse, „auch für die Unterstützung von Lambarene“ neben dem DHV und der AISL auch die  Gedenk- und Begegnungsstätte des Albert-Schweitzer-Komitee in Weimar angegeben wird.
Auf der letzten Umschlagseite schreibt der Verlag: „Das kenntnisreiche, packend geschriebene Buch atmet die Hochachtung vor einem außergewöhnlichen Menschen“, dem ist  zuzustimmen.
Kenntnisreich ist das Werk von Clemens Frey ohnehin, wie es eine Dissertation verlangt. Packend, aufregend, ja provozierend wird es für mich aus mindestens drei Gründen:  
Erstens, Schweitzer wird mit seinem Leben und Werk in Anlehnung an ein Nietzsche-Wort als „ein Kämpfer gegen seine Zeit“ (S. 25) von den frühen Predigten bis zu dem Kampf gegen die Atomwaffen geschildert. Ausgehend von Schweitzers ethischer Maxime des „Anders sein als die Welt“ untersucht Frey „Das Denken Albert Schweitzers unter dem Aspekt >>Aus-der-Welt – in-die-Welt<< (S. 81 – 217).
Zweitens unternimmt Frey den kühnen Versuch, biographisch und theologisch Schweitzers und Bonhoeffers christliches Weltverständnis zu vergleichen. Schweitzers Gang nach Lambarene und Bonhoeffers Gang nach Finkenwalde (in einem „klosterähnlichen Rahmen“, um ein Predigerseminar für die  Bekennende Kirche aufzubauen). „Albert Schweitzers Kampf gegen die Atombombe“ und „Dietrich Bonhoeffers Kampf gegen Hitler“ (S. 59 – 80) sind Konsequenzen einer christlichen Weltverantwortung.
Drittens hat ihre politische Haltung auch Konsequenzen für das persönliche Leben gehabt. Frey zitiert Schweitzer in einem Brief an H. Spiegelberg vom 17.7.1961, dass er „als Communist gebrandmarkt“ wurde. Über den Druck, dem Schweitzer in diesem Jahr ausgesetzt war, habe ich in meinem Buch  (S. 248 ff.) ausführlich berichtet. Bonhoeffer kommt in seinem Verantwortungsverständnis aus der sicheren Emigration nach Deutschland zurück und wird im KZ ermordet.
Im Schlusskapitel „Die Weltverantwortung des Christen“ (S. 269 – 281) wird das Engagement beider in der Welt und für die Welt aus spezieller theologischer und ethischer Sicht bis in die Gegenwart hinein geführt.
Obgleich dem Autor bei der Ausarbeitung der Dissertation die Nachlasswerke Schweitzers noch nicht zur Verfügung standen, sind doch entscheidende Passagen durch fleißige Archivarbeit kompensiert worden. Dem Buch liegt ein umfangreiches Literaturstudium zugrunde, wie die Fußnoten und der Anhang über Primär- und Sekundärliteratur zu Schweitzer und Bonhoeffer belegen. Natürlich fehlt mir die Kompetenz, um solche – auch umstrittenen - schwierigen Fragen wie die nach der Mystik Schweitzers, nach der Idee des Reiches Gottes im Schaffen Schweitzers oder nach Bonhoeffers Begriff der nicht-religiösen Interpretation bewerten zu können. Insgesamt aber war die Lektüre dieses Buches für mich eine große Bereicherung, die ich gern auch anderen Lesern gönne.
                                                                                                      Prof. Dr. Ernst Luther