Die Ethik der Ehrfurcht vor den Tieren
Die kleine Grasmücke - eine Sommergeschichte
Klaus-Dieter Voigt
Es war in der ersten Juniwoche, als meine Frau auf dem Balkon eine seltsame Beobachtung machte. Wir haben an der Seitenwand einen schönen Naturkranz aus Stroh mit Verzierungen und kleinen Extras, wie ein Zäunchen, zwei kleine Vögel, ein Vogelhäuschen und eine Gießkanne.
Plötzlich hatte sie das Gefühl, der Vogel vom Kranz fliegt davon. Sollte das eine Täuschung sein? Am nächsten Tag flatterte es wieder und beim genauen Beobachten war es ein wirklicher kleiner Vogel. Nun wurde der Kranz beobachtet. Richtig, ein Grasmückenpaar hatte im Kranzinneren ein Nest gebaut. Drei Eier, weiß mit braunen Tupfen.
Zwei Tage später waren es vier Eier.
Der Balkon wurde sehr vorsichtig genutzt, denn wir wollten die kleinen tüchtigen Vögel nicht vertreiben. Sie brüteten abwechselnd mit sehr großer Ausdauer.
Nach 14 Tagen sahen wir plötzlich Schnäbelchen aus dem Nest ragen. Vier junge Vögel waren ausgeschlüpft.
Die Eltern wechselten sich beim Füttern ab und glücklicher Weise hatte es geregnet und kleine Insekten schwirrten wieder durch die Luft. Ein gutes Futterangebot. Zehn Tage nach dem Schlüpfen war vor unserem Fenster ein riesiger Lärm, der Gartenpflegedienst war dabei, unsere Hecke zu schneiden. Meine Frau ging auf den Balkon, um nach den Jungen zu sehen. Die waren plötzlich so aufgeregt, flatterten und verließen ihr Nest. Ein Vöglein flog über den Balkon in den Strauch, die anderen landeten auf dem Tisch und dem Boden des Balkons. Mit einem Tuch konnte meine Frau die Tierchen wieder einfangen und zurück ins Nest setzen. Sie beruhigten sich langsam und am Abend waren wieder beide Eltern beim Füttern.
Nur ein Jungvogel war nicht mehr im Nest. Hoffentlich hat er die Aufregung überstanden und die Eltern konnten ihn füttern.
Eines Tages war nur noch ein Vögelchen im Nest. Wir gingen nicht mehr auf den Balkon und beobachten nur durch die Tür. Nur einmal mussten wir die Tür öffnen, die Balkonblumen brauchten dringend Wasser.
Vor Aufregung flatterte das Tierchen und blieb am Zäunchen hängen. Wieder befreiten wir es und legten es mit einem Tuch zurück ins Nest. Die Eltern kümmerten sich sofort um ihren letzten Nestbewohner.
Täglich putzte der Kleine sein Gefieder, flog auf der Stelle und saß manchmal schon auf dem kleinen Zaun. Genau nach einem Monat saß der junge Vogel wieder auf dem Zäunchen. Ich unterhielt mich vor dem Balkon mit einem Nachbarn und beobachtete genau das Nest. Plötzlich begann das Vögelchen zu flattern, nein zu fliegen - in unsere Richtung - 10 cm – wieder zurück - 10 cm vor. Das erschien uns merkwürdig.
Ich nahm ein Tuch und die Schere- meine Vermutung- das Vögelein hing irgendwo fest.
Als ich auf die kleine Leiter stieg, blieb der Vogel ganz ruhig, nur die Eltern waren aufgeregt und wollten mich zurückdrängen. Als ich näher an das Vöglein kam, sah ich, dass ein dünner Faden am rechten Bein des Vogels verschlungen war. Es war ein künstlicher Faden aus dem Nestbau. Mit einer Schere schnitt ich dicht am kleinen Füßchen den Faden durch. Sofort begann das Tierchen zu flattern und flog davon- steil aufsteigend- 20 m weit auf den höchsten Baum in unserer Umgebung. Die beiden Elternteile folgten sofort aufgeregt. Wie glücklich war ich und nun war uns klar, warum der letzte Vogel nicht davon geflogen war, seine Geschwister schon lange fort und er gefesselt an einem Faden, den er selbst nicht lösen konnte. Rettung in letzter Sekunde - das Leben hing sprichwörtlich am seidenen Faden.