8. März 2010

Mensch-Mythose-Buchkritik

Literatur - Jürgen Hermann

Mensch und Mythos

Philosoph, Theologe, Humanist, „Urwalddoktor“ und Friedensnobelpreisträger: Nils Ole Oermann hat ein Lebensbild Albert Schweitzers verfasst.





Um es vorwegzunehmen: Der Berliner Historiker, Theologe und Wirtschaftsethiker legt eine Biographie vor, welche das Bild Schweitzers im deutschsprachigen Raum lange beeinflussen oder sogar prägen wird. Es ist ihm gelungen, diesen Menschen von dem ihn umgebenden Mythos zu trennen und sein Wirken zu relativieren, ohne die große Leistung der Lichtgestalt des 20. Jahrhunderts infrage zu stellen.

Er sehe aus „wie ein naher Verwandter des lieben Gottes“, benehme sich auch so und scheine „irdischer Kritik ferner entrückt als der Rest aller Sterblichen“, schrieb „Der Spiegel“ im Dezember 1960 in einer Titelgeschichte über Albert Schweitzer. Winston Churchill nannte ihn ein „Genie der Menschlichkeit“. Kritiker sahen in Schweitzer indes auch einen Meister der Selbstdarstellung mit maßlosem Ego und der demonstrativen Bescheidenheit als Selbstinszenierung, der die Arbeit in Lambarene zugunsten seiner öffentlichen Auftritte vernachlässigt habe. „Die vorliegende Biographie“, so Oermann im Vorwort, „will auch Fehler benennen in der Gewissheit, dass ein möglichst tiefenscharfes Bild von Schweitzer ihn letztlich menschlicher macht als eine flächige Erfolgsgeschichte.“

Das Buch zeichnet die Kinder- und Jugendjahre des Pfarrersohns Albert Schweitzer nach, der 1875 im damals deutschen Elsass geboren wurde. Auf die Frage, ob er sich als Deutschen oder als Franzosen sehe, wird er Jahre später knapp antworten: „Homo sum.“ Viel Raum widmet Oermann der Reifung und der akademischen Ausbildung Schweitzers, welche ihn zur dreifachen Promotion führt – als Philosophen, Theologen und Mediziner. Parallel hierzu entwickelt sich der junge Mann zu einem renommierten Organisten, und beinahe nebenbei schreibt er eine hoch angesehene Biographie über Johann Sebastian Bach.

Mit 30 Jahren fasst Schweitzer dann die wegweisende Entscheidung, auf die absehbare akademische Karriere als Theologieprofessor zu verzichten und im Anschluss an ein medizinisches Studium eine Tätigkeit in Afrika aufzunehmen. Als Befreiung des Geisteswissenschaftlers, so Oermann, müsse diese Hinwendung zu den Naturwissenschaften nach einem „langen Prozess des inneren Ringens“ gesehen werden. Der Autor kommt zu dem Schluss, dass eine geisteswissenschaftliche Karriere für Schweitzer wenig erfüllend gewesen wäre.

Als der spätere „Urwalddoktor“ 1913 nach Französisch-Äquatorialafrika aufbricht, verlässt er auch endgültig den akademischen Betrieb, doch beginnt damit jene Erfolgsgeschichte, welche den Mythos Albert Schweitzer begründen wird. Nicht als Missionar, sondern als „unabhängiger medizinischer Helfer“ reist er in das heutige Gabun – gemeinsam mit Helene Bresslau, die er im Jahr zuvor geheiratet hat. Quasi in einer Nebenhandlung porträtiert Oermann diese bemerkenswerte Frau an Albert Schweitzers Seite, die wegen ihrer schwachen Gesundheit nur wenige Jahre in Afrika verbrachte und aus der Distanz eine nicht immer leichte Ehe führte.

Die folgenden 52 Jahre wird Schweitzer zwischen Afrika und Europa hin- und herpendeln, das Hospital in Lambarene aufbauen und mehrmals mit dem drohenden finanziellen Ruin seines medizinisch-humanitären Projekts konfrontiert sein. Doch beschreibt Oermann, wie Schweitzer vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg große Begabung in Bereichen entwickelte, welche man heute mit Begriffen wie Fundraising, Networking und Marketing belegt. Er wird weltweit zu einem Vorbild für Generationen, zu einer moralischen Instanz und auch zu einem Homo politicus. Nun fließen die Spendengelder in großem Umfang; hinzu kommen zahllose Ehrungen in vielen Ländern und – 1953 – der rückwirkend für das Vorjahr verliehene Friedensnobelpreis.

Mit Nachdruck wendet sich der Pazifist und Rüstungsgegner Schweitzer gemeinsam mit Albert Einstein gegen die atomare Bewaffnung und führt seine intensive und berühmt gewordene Korrespondenz mit den Großen der Welt. Nachdem Schweitzer sorgfältige Distanz zum Dritten Reich gewahrt hat, lässt er sich bis zu einem gewissen Grad von der DDR vereinnahmen und rühmt noch vier Tage vor dem Mauerbau in einem Brief an Walter Ulbricht, „dass Sie auch der Idee der Ehrfurcht vor dem Leben sympathisch gegenüberstehen“.

Gleichzeitig entsteht in Lambarene eine 478-Betten-Klinik, über deren technische Ausstattung die Ansichten damals allerdings erheblich differierten. Gerne hätte man daher erfahren, in welchem Zustand Oermann das Hospital in Lambarene bei seinem Besuch 2009 vorfand. Dafür flicht der Autor viele Anekdoten und charakterliche Beschreibungen in die Biographie ein. Es wird vermerkt, dass Albert Schweitzer durchaus zum Jähzorn neigen konnte, wenn etwas nicht nach seinen Vorstellungen verlief. Tieren widmete er zeitlebens viel Aufmerksamkeit, und so duldete er den täglichen Durchzug einer Ameisenstraße durch sein Büro in Lambarene nicht nur, sondern förderte das Geschehen noch durch das Aufstellen eines Zuckerbreis. Die Afrikaner, die in seine Klinik kamen und denen die Anästhesie unbekannt war, fanden bald und voller Hochachtung zu der festen Überzeugung, der weiße Doktor töte seinen Patienten, entferne die Krankheit und erwecke ihn anschließend wieder zum Leben.

Schwierig wird es, wenn die Sprache auf Schweitzers generelle Einstellung zu den Afrikanern und auf Vorwürfe des Rassismus kommt. Dass „Le grand docteur“ in Lambarene stets ein patriarchalisches Verhalten an den Tag legte und die Afrikaner herablassend behandelte, seine schwarzen Angestellten mit „Allez-vous opp“ antrieb und nicht selten gar ohrfeigte, muss man laut Oermann mit der Weltanschauung des 19. Jahrhunderts erklären, welcher Schweitzer verbunden blieb, und darf nicht überbewertet werden. Freilich erfährt man auch, dass der „Urwalddoktor“ keine schwarzen Ärzte ausbildete, das Streben der Afrikaner nach staatlicher Unabhängigkeit sehr kritisch betrachtete und in einigen gabunischen Dörfern Schilder mit der Aufschrift „Schweitzer, Go Home“ zu sehen waren.

Oermann ist eine detailreiche, anspruchsvolle, hoch informative und in die Tiefe gehende Porträtierung Albert Schweitzers gelungen. „Mit seiner Ehrfurcht vor dem Leben wollte er Menschen dazu inspirieren, ihr Denken zu ändern und ihr Handeln stärker ethisch zu reflektieren“, schreibt der Autor im Epilog. Ohne Zögern erkennt er ihm den Status „einer der großen Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts“ zu. Ein Heiliger sei er indes nicht gewesen. Manchem Leser mag die Beschreibung der frühen theologischen Arbeit oder der Kulturphilosophie Schweitzers zu umfangreich geraten sein, doch stellen sie einen untrennbaren Teil seines Denkens und Handelns dar. Das Buch enthält eine Vielzahl von Anmerkungen, 49 Fotos von guter Qualität, eine Zeittafel sowie eine umfangreiche Literaturliste.

Nils Ole Oermann: Albert Schweitzer 1875 – 1965. Eine Biographie. 367 Seiten. Verlag C.H. Beck, 3. Auflage, München 2010. 24,90 Euro.

Quelle
http://www.kultur-in-bonn.de/magazin/kritiken/anzeige/article/mensch-und-mythos-1268037246.html