3. März 2010

Comenius und Schweitzer – Brüder im Geiste

Leonore Englmaier

Februar 2010


Comenius und Schweitzer – Brüder im Geiste



Am 9 Januar habe ich mir den Film „Albert Schweitzer – ein Leben für Afrika“ angesehen. Über die Produktion des Filmes wird gesagt: „Wir erzählen eine Geschichte, die wirklich passiert ist, aber die Welt von heute hat sie vergessen oder nie erfahren!

Nicht die ganze Welt hat ihn vergessen!

Ich will keine Kritik des Films schreiben, aber er hat mich zum Erinnern angeregt. Ich kann mir ein Leben ohne Albert Schweitzer nicht vorstellen. Die „Ehrfurcht vor dem Leben“ bestimmt mein Handeln und Verhalten seit dem ich ihn durch ein Geburtstagsgeschenk, ein Buch von Dr. Rudolf Grabs, „kennengelernt“ habe. Seit damals sind fast 60 Jahre vergangen.

Aber meine Erinnerungen gingen zurück zu Albert Schweitzers 90. Geburtstag. Ich war zu dieser Zeit Leiterin der Betriebs-Kinderkrippe „Albert Schweitzer“ des Stadtkrankenhauses Dresden-Neustadt. Am 1. Juni 1963 erhielt die Kinderkrippe seinen Namen. Ich hatte ihn brieflich gebeten, dass unsere Krippe seinen Namen tragen darf. Albert Schweitzer hat mir geschrieben und seine Einwilligung gegeben. Seit dieser Zeit sind mir Albert Schweitzer und Lambarene sehr nahe.

Der 90. Geburtstag Albert Schweizers am 14. Januar 1965 war in vielen Teilen der Welt Anlass, des großen Urwalddoktors in Verehrung und Dankbarkeit zu gedenken. Die Gedanken eines nicht unbedeutenden Teiles der Menschheit richteten sich an diesem Tag an die Ufer des Ogowe und weilten bei Albert Schweitzer, bei seinem Leben und Werk.

Ich gehe gedanklich ein Jahr zurück. Im März 1964 erhielten ich, und viele Albert-Schweitzer-Freunde, einen Brief vom damaligen Generalsekretär der CDU der DDR Gerald Götting aus Berlin. Er schrieb:

„Am 14. Januar 1965 begeht Albert Schweitzer seinen 90. Geburtstag. Aus diesem Anlass beabsichtige ich einen Band herauszugeben, der kurze Beiträge vieler Persönlichkeiten aus vielen Ländern zu dem humanistischen Werk Albert Schweitzers und seinem Kampf um die Erhaltung des Friedens in der Welt enthalten soll. Es wäre mir eine große Freude, wenn Sie als leitende Schwester der Betriebs-Kinderkrippe „Albert Schweitzer“ einen Beitrag für diesen Band beisteuern könnten.“ Schweitzer sollte das Buch zu seinem 90. Geburtstag geschenkt bekommen.

Dieser Bitte kam ich natürlich mit Freude nach.

Als ich das Buch, „Albert Schweitzer – Beiträge zu Leben und Werk“ 1, von Gerald Götting zugesandt bekam, habe ich mich sehr gefreut.

Gerald Götting schrieb mir im Juli 1966 u. a.: „Das Buch ist – wie es die Absicht war – zu einer vielseitigen und aus der verschiedensten Sicht heraus dargebrachte Würdigung des humanistischen Werkes Alber Schweitzers und seinem Kampf gegen die Kernwaffen geworden. Es wird uns helfen, dass immer mehr Menschen von Schweitzers Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben ergriffen werden und danach handeln“.

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Gerald Götting hat die Autoren alphabethisch in ein Verzeichnis aufgenommen. Ich nenne nur einige:

- Dr. Rudolf Grabs, Pfarrer Dresden

- Prof. Dr. h.c. Werner Hardke, Präsident der Deutschen Akademie der Wissenschaften Berlin

- Dr. Moritz Mitzenheim, Landesbischof der Evangelisch-lutherischen Kirche Thüringen

- MR Dr. med. Horst-Peter Reichardt, Arzt, Dresden

- OMR Dr. med. Werner Ludwig, Präsident des DRK der DDR

- Prof. Dr. Linus Pauling, Nobelpreisträger für Chemie (1954)

- Dr. Minoru Nameira, Arzt, Vizepräsident der Japanischen Gesellschaft der Freunde Schweitzers, Tokio

und andere aus der ganzen Welt. Viele der Persönlichkeiten leben nicht mehr. Aber wir können ihrer gedenken. Sie alle haben das Werk und Wirken Albert Schweitzers in die Welt getragen.

Mit meinem Beitrag „Sein Name ist uns Verpflichtung und Anregung“ - noch unter meinem Mädchenname L. Hauswald 2 - kam ich mir recht klein vor. Ich war aber auch stolz. Ganz besonders deshalb, weil Albert Schweitzer uns aus dem fernen Afrika seine Einwilligung, dass unseren Kinderkrippe seinen Namen tragen darf, persönlich und handschriftlich gegeben hat. Wir waren einer der ersten Namensträger „Albert Schweitzer“ in der DDR.

Beim erneuten Lesen fiel mir ein Beitrag von Prof. Josef Balcar, Professor für moderne Sprachen an der Handelsakademie Prag besonders auf:

„Die Fackelträger Jan Amos Comenius und Albert Schweitzer“

J. A. Comenius (später Komensky) war mein mündliches Prüfungsthema in „Geschichte der Pädagogik“ an der Humboldt-Universität Berlin 1968. Ich konnte das Prüfungsthema selbst auswählen. J. A. Comenius hatte mich in den Vorlesungen sehr interessiert, besonders seine Ideen zu einem guten Schulsystem (Aufbau des Schulwesens).

Comenius (1592-1670) wurde in einem mährischen Dorf geboren. Er hat die Elementarschule der „Böhmischen Brüder“ besucht und kam mit 16 Jahren an die Lateinschule. Seine glänzenden Fähigkeiten veranlassten die Böhmische Brüdergemeine Comenius auf die protestantische Akademie nach Heborn zu schicken. Comenius war der letzte Bischof der Böhmischen Brüdergemeine. Infolge großer Verfolgung verließ die Mehrheit der Angehörigen dieser Kirche die Grenzen ihrer Heimat und waren dann in der Fremde tätig. Wie ausgesäte Samenkörner fassten sie Wurzeln. Sie wirkten als Missionare und als Ärzte unter der heißen Sonne Afrikas, in Amerika, aber auch in mitten von Eis und Schnee unter den Eskimos.3

Komenskys Schriften „Vialuxis“ und „Angelus pacis“ bergen viele moderne Elemente in sich, die auch mit den heutigen Friedensbestrebungen korrespondieren können.

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Komensky ist der Ansicht, dass durch die Errichtung einer Ordnung des Friedens eine neue Ära der Menschen beginnen würde. Den Weg zur Veränderung der Verhältnisse in der Welt führt über die Bildung aller ohne Rücksicht auf Stand, Geschlecht, Religion, Nationalität und Rasse.

Erinnern wir uns, wie sehr Albert Schweitzer das Denken am Herzen lag, weil er aus der Vergangenheit gelernt hat, wie der Mangel an Denkkraft den Menschen dem Skeptizismus preisgibt.

„So stehe ich und wirke in der Welt als einer, der die Menschen durch Denken innerlich und besser machen will. Durch seine Geringschätzung des Denkens hat unser Geschlecht den Sinn für die Wahrheit verloren. Darum ist ihm dadurch zu helfen, dass man es wieder auf den Weg des Denkens bringt“. 4

Schweitzer knüpfte an diese edle Sendung von Comenius an und arbeitete im gleiche Geiste. Auch er geht unter die Afrikaner mit der freudigen Botschaft der Nächstenliebe. Er kam als Arzt und Prediger, als ein Mensch der im Dienste an seinen Nächsten die rechte Lebensaufgabe sah.

Comenius starb in einer friedlosen Welt, in der Emigration in Holland. Trotz aller Enttäuschungen, die ihm die politische Situation des 17. Jahrhunderts bereitet hatte, fühlte er aber sehr deutlich, dass seine Arbeit nicht vergeblich oder fruchtlos gewesen war. Prophetisch ahnte er, dass der Kampf weiter gehen werde, dass es das, was seiner Generation nicht vergönnt war, in den kommenden Geschlechtern zur Tat werde. Er bezeichnete sich selbst als den Träger einer Fackel, die er seinen Nachfolgern in den festen Glauben übergeben hat, dass diese durch die noch herrschende Dunkelheit sicher zum Licht gelangen.

Albert Schweitzer wurde das Glück zuteil, in einem Jahrhundert voller Hoffnung zu leben. Er hat zwei schreckliche Weltkriege erleben müssen, wie viele unserer Großeltern, Eltern und noch mancher von uns. Und doch ist die Gegenwart dieser Generationen viel hoffnungsvoller als zur Zeit Komenskys.

Es gibt immer wieder ernste Bemühungen um den Aufbau einer Friedensordnung ohne Kernwaffen in der ganzen Welt. Es gibt viele andere Bestrebungen zu einer denkenden und sittlichen Menschheit zu werden, zum Glauben, dass die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben, wie die Albert Schweitzer erstrebte, unaufhaltbar im Fortschritt begriffen ist.

So reichen sich die beiden Fackelträger über Jahrhunderte hinweg die Hände im Ringen um echte Humanität, entflammt von dem Gedanken, mit allen Mitteln zur Schaffung eines neuen Menschen beizutragen, dem das Denken und die tiefe Ehrfurcht vor dem Leben zu einer harmonischen Ordnung aller Dinge führen werde.

Albert Schweitzer hat die Fackel an uns weitergegeben damit die Ziele, vielleicht auch erst in der Generation unserer Enkel und Urenkel, verwirklicht werden können.

In einem Fragment eines Briefes an Dr. K. Reichl, Bischof der Böhmischen Brüdergemeinde zu Prag schrieb Albert Schweitzer:

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„Zur Brüdergemeine hatte ich schon ein innerliches Verhältnis in meiner Studienzeit. Es war dann schön für mich, in der Brüdergemeinde Königsfeld ein Heim zu haben, indem ich während einer Reihe Europaaufenthalte lebte und meine Tochter im Geiste der Brüdergemeine aufwachsen sah. … Die Zeit, die ich in Königsfeld verbracht habe, hat ihren besonderen Platz in meinen Erinnerungen!“

Ich war auch schon zweimal in Königsfeld und auf den Spuren von Helene und Albert Schweitzer. Beim ersten Besuch 1990 wusste ich natürlich nicht wo das Schweitzer-Haus steht. Als ich dann einen Herrn gefragt habe, stand ich kurz vor dem Haus und er sagte mir, dass er im Schweitzer-Haus noch wohne. Es war Dr. Gliche, Mitglied der Brüdergemeine. Er nahm mich mit ins Haus. Zu meinem zweiten Besuch war das Haus ein sehr schönes Schweitzer-Museum, aber Dr. Gliche lebte nicht mehr.

Ich schließe das Buch wieder. Eine schöne Erinnerung aber bleibt.



1) Gerald Götting (Herausgeber): „Albert Schweitzer – Beiträge zu Leben und Werk“ Union Verlag Berlin, 1964

2) ebenda Seite 76

3) Robert Alt: „Der fortschrittliche Charakter der Pädagogik Komensky“, Verlag Volk und Wissen Berlin, 1954

4) Albert Schweitzer: „Aus meinem Leben und Denken“, Leipzig, 1931