Albert Schweitzer – eine Lebenshilfe
Zum Erscheinen des Buches
Ernst Luther „Albert Schweitzer. Ethik und Politik“
Dietz Verlag Berlin 2010
ISBN 978-3-320-02215-0
Preis 19,90 €
Der Autor: Prof.Dr.phil.em. der Martin-Luther-Universität Halle/Wittenberg
hat mit dem Arbeitsschwerpunkt „Ethik in der Medizin“ jahrzehntelangen
Kontakt mit Leben und Werk Albert Schweitzers, ist Mitglied im „Albert-Schweitzer-Komitee e-V.“,Weimar, dem „Deutschen Hilfsverein für das Albert-Schweitzer-Spital in
Lambarene e.V.“, Frankfurt/M., und der „Internationalen Albert-Schweitzergesellschaft“ (AISL), Günsbach/F.
Von 200-2002 war er außerdem Sachverständiger in der Enquete-Kommission „Recht und Ethik in der modernen Medizin“ des Deutschen Bundestages. Also besonders legitimiert, sich zum Thema zu äußern.
Wer heute noch denkt, Albert Schweitzer ist ein vor knapp 50 Jahren verstorbener fossiler
Urwaldarzt irgendwo in Afrika, also weit weg von uns und deswegen nicht mehr interessant, dem sei auf jeden Fall dieses Buch empfohlen, wenn er nicht als Ignorant gelten will.
Auch für Pädagogen als Erziehungshilfe und für Schüler ab der 10.Klasse ist es als Lebens-hilfe genauso geeignet wie für jeden, der in der heutigen Zeit einen philosophischen Anker
sucht.
In den letzten Monaten ist der Name Schweitzers erfreulicherweise mehrfach an die Öffentlichkeit gelangt: ein Film, ein Buch zum Film und weitere drei Bücher, darunter auch ein von Experten sehr umstrittenes, rückten eine der bedeutendsten Persönlichkeiten der letzten einhundert Jahre endlich wieder in den Blickpunkt des Interesses.
Luthers Buch ist sein Lebenswerk zum Thema Schweitzer und Ethik und es ist ein politisches Buch; es bezieht die politische Zeit in die Lebenszeit Schweitzers ein. Aber auch für unsere gegenwärtige Zeit und die heutigen Menschen ist es hochaktuell.
Luther weist nach, dass Schweitzers Philosophie der „Ehrfurcht vor dem Leben“ zeitlos und
für alle Zeiten vorbildhaft ist.
Wem gehört Albert Schweitzer? So lautet die erste provokante Frage. Kann ihn jemand, kann ihn eine Gesellschaft für sich beanspruchen? Nein – er ist der friedlichen Menschheit zugehörig!
Es ist auch ein biographisches Buch, aber Biographie hier eingeordnet in eine Universal-persönlichkeit seltenen Ausmaßes: Kulturphilosoph, Ethiker, Religionswissenschaftler,
aktiver Kriegsgegner (um nicht die missverständliche Bezeichnung „Friedenskämpfer“
zu wählen) und ein vor allen Erscheinungen des Lebens (Mensch, Tier, Pflanze, Umwelt)
ehrfürchtiger Mensch, der seine ethischen Maxime durch tiefes Denken gewinnt und durch „unmittelbares Dienen“ als Urwaldarzt lebt, vor-lebt , Jeder kann in seinem Umfeld sein
persönliches Lambarene haben. „Schafft Euch ein Nebenamt...“ und schärft Euer Verant-wortungsbewußtsein allen Formen des Lebens gegenüber. Als gesellschaftlicher Verant-wortungsträger genauso wie als „einfacher Mensch“.
Luther gelingt es, Schweitzers Ethik anschaulich mit der Gegenwart zu verknüpfen und so die aktuelle Anwendbarkeit seines Menschenbildes aufzuzeigen. Der Autor lässt uns in seine Gedanken blicken zu diffizilen aktuellen Problemkreisen wie Biomedizin, Sterbebegleitung oder das Verhältnis weltanschaulich unterschiedlicher Kulturkreise zueinander. Er bewundert wie wir das umfassende Eindringen Schweitzers in philosophische Strömungen, Weltreligionen oder dieAtomphysik, seine gelebte persönliche Verbundenheit mit Goethe und Bach, sein klares Denken und seine musische Aktivität als Orgelinterpret. Er macht uns genauso bekannt mit dem weithin vergessenen, weil 1933 aus Deutschland emigrierten, Philosophen Ernst Cassirer und dessen Begegnung mit Schweitzer, wie auch mit Schweitzers Standpunkten zu Rosa Luxemburg und Karl Marx. Er spart nicht mit Kritik an Schweitzer sowohl hier als auch bei bestimmten religions-wissenschaftlichen Fragen.
Luther erwartet selbst auch kritische Meinungen zu diesem Buch. Man könnte ihn fragen, warum Karl Marx mehr als 10 Prozent der Buchseiten einnehmen muß. Aber Luther ist eben bekennender Marxist, und wir erleben angesichts ökonomischer Weltkrisen, dass man sich auch an Marx weltweit wieder erinnert. Und dass er die Beziehungen DDR-Schweitzer oder Schweitzer-DDR ins rechte Licht rückt, ohne auch deren Ungereimtheiten zu verschweigen, das gehört unter die Fragestellung: Wem gehört Schweitzer ? Oder besser: wem nützt Schweitzer ? Sicher allen Menschen, die unabhängig von Glauben, Rasse, politischer Position
oder Bildungsgrad erkannt haben, dass es zur Ehrfurcht vor dem Leben, auch im zwishen-menschlichen Miteinander, keine Alternative gibt
Das so nur in groben Zügen besprochene Buch ist besonders auch in seinen philosophischen Tiefgängen und Gedanken zu den Weltreligionen im Blickpunkt Schweitzer eine Fundgrube!
Es erspart dem Nichtspezialisten das mühsame Lesen tausender Buchseiten. Man sollte es besitzen, um es Schritt für Schritt zu erschließen. Vollständigkeit kann man bei
diesem „Genie der Menschlichkeit“ (zit. Winston Churchill!) von keiner Darstellung erwarten.
Schweitzer: „Die Ethik befindet sich nicht in Harmonie mit solchem Weltgeschehen, sondern in Auflehnung gegen es. Sie ist die Regung eines Geistes, der anders sein will, als der, der sich in der Welt kundgibt“.
Luther: „ Die Ethik Albert Schweitzers ist ein Störfaktor im Weltgeschehen“.
Und deswegen will man sie vergessen machen. Aber wir brauchen sie zum „Anderssein als die Welt“ (Schweitzer).
Dr. med. Horst-Peter Reichardt,
Radeburg, Sachsen