Unterwegs zu Albert Schweitzer
Meine Reise zum 17. Johannistreffen nach Günsbach im Juni 1989
Klaus Kruczynski, im Juli 1989 und im Januar 2010
Der mit Spannung erwartete Film „Albert Schweitzer – Ein Leben für Afrika“ zeigt am Ende ein Meer von Kerzen, das Albert Schweitzer entgegenleuchtete, als er im November 1954 in Oslo den Friedensnobelpreis entgegennahm. Diese anrührende Szene hat mich an die Kerzen erinnert, die wir im Herbst 1989 um den Leipziger Ring getragen haben.
Am 3. Februar des gleichen Jahres erreichte mich ein Brief aus Günsbach, der mich zum 17. Johannistreffen einlud. Das war wie das Blühen in der Winterkälte:
Wenn die post
hinters fenster fährt blühn
die eisblumen gelb
Brief du
zweimillimeteröffnung
der tür zur welt du
geöffnete öffnung du
lichtschein,
durchleuchtet, du
bist angekommen
(Reiner Kunze: Brief mit blauem Siegel. Leipzig. Reclam 1973.)
Ich konnte mein Glück nicht fassen, erzählte aufgeregt im Freundeskreis davon, ... und erntete Abwinken und Unverständnis für meine träumerischen Hoffnungen. Auch wenn die friedliche Revolution, die unserem Lande die Einheit brachte, schon so nahe war, konnte ich sie damals nicht ahnen. Ich wollte alles versuchen, um im Eispanzer der Grenzen, die uns unserer Freiheit beraubten, einen Durchschlupf zu finden.
Gleich am nächsten Tag ging ich zu unserem Superintendenten, der meinen Vater und seine Verehrung für Albert Schweitzer kannte. Er riet mir, das sächsische Landeskirchenamt um Hilfe zu bitten. Also wandte ich mich an unsere Kirchenleitung in Dresden und spürte sofort eine große Solidarität mit meinem Anliegen. Nach den vorliegenden Erfahrungen konnte ich jedoch nicht mit einer Reiseerlaubnis rechnen. Aber weil es um Albert Schweitzer ging, wollte man dem Staat gegenüber das Unmögliche versuchen.
Das Unmögliche wurde zur Wahrheit. Ich erhielt die Reiseerlaubnis. Den Reisepass sollte ich mir in einer kirchlichen Dienststelle in Berlin abholen. Ich ging davon aus, dass ich dann von Westberlin aus ins Elsass fahren würde. Also hatte ich mein komplettes Gepäck schon bei mir. Aber ich sollte nach Leipzig zurückfahren, um dann über Gerstungen die unselige Grenze zu passieren. Ich war maßlos enttäuscht. Meine Niedergeschlagenheit erweckte Mitleid. Ich sollte eine Weile warten. Dann erhielt ich ein neues Ausreiseformular, auf dem der Bahnhof Friedrichstraße als Grenzübergang eingetragen war. Wiederum ein Wunder. Am nahen Grenzübergang warteten die Menschen geduldig auf ihr Loch in der Mauer. Noch mussten sie teilweise entwürdigende Kontrollen über sich ergehen lassen. Ich ging an ihnen vorbei, weil ich eine kirchliche Dienstreise antrat. An dem dafür vorgesehenen Schalter wartete niemand. Beim Passieren salutierte der Grenzsoldat ... Die S-Bahn brachte mich hinter die Mauer. Ich war in Westberlin – zum ersten Mal nach 1961, fassungslos vor Glück. - Der Nachtzug nach Straßburg durchquerte die DDR, die ich dann endlich hinter mir gelassen hatte. Günsbach lag vor mir.
Zurückgekehrt nach Leipzig, war ich erfüllt von der Begegnung mit Albert Schweitzer und Menschen seines Geistes. Dennoch rückte die bedrohliche Frage nach dem Weggehen oder dem Bleiben immer wieder an mich und meine Familie heran. Ich fragte mich oft, welche Position Albert Schweitzer wohl in dieser Situation einnehmen würde.
Die Wende machte es mir leicht zu bleiben. Bis heute darf ich dankbar Freundschaften leben, deren Ursprünge im Juni 1989 in Günsbach liegen. Ich durfte das Hoffnungspflänzchen, das mir in Günsbach geschenkt wurde, hegen und verteilen, und wenn ich seinen Nachkommen nahe bin, erzählen sie mir von Günsbach ...
***
Reisenotizen vom Sommer 1989
Heute ist Sommeranfang. Ich fahre im Expresszug von Leipzig, wo ich zu Hause bin, nach Berlin. Ankunft. Die Waggons werfen die ungeduldigen Reisenden auf den Bahnsteig, wo sie sich knäulen und nur langsam entwirren. Über die Stadt spannt sich, grenzenlos, ein blauer Himmel. Weiße Wolken haben gut lachen.
Heute vor zwei Wochen begann in Berlin meine denk-würdige Reise zu Albert Schweitzer nach Günsbach. Immer wieder verschmelzen gerade noch Erlebtes und neu zu Erlebendes in meinen Gedanken. – Ich komme am farbenfrohen Blumentisch einer Gärtnerin vorbei. Die schönsten der lachsrot blühenden Rosen wähle ich für alle die aus, die mir geholfen haben, dass diese Reise Wirklichkeit wurde.
"Zuhause war ich in Berlin, schon als Student, im Hause von Ernst Curtius." (LWD, S. 320), so besann sich Albert Schweitzer in einem Brief aus dem Jahre 1963 auf seinen Aufenthalt in der Stadt im Sommer 1899. Er war damals 24 Jahre alt und stand kurz vor dem Abschluss seiner philosophischen Dissertation über die Religionsphilosophie Kants. Er lobte das vehemente geistige Leben in der aufstrebenden Stadt, pries "die einfache Lebensweise der Berliner Gesellschaft und die Leichtigkeit, mit der man in den Familien Eingang fand." (LuD, S. 24). Allerdings waren auch die Bewohner Berlins nicht frei von der Krankheit des Fin-de-siècle-Pessimismus. Resignation und passives Epigonentum lähmten die Menschen. Schweitzer fühlte sich davon unmittelbar getroffenen. Er, der der Tat und dem optimistischen Denken verpflichtet war, musste dagegen ankämpfen: So liegen kräftige Wurzeln Schweitzerscher Kulturphilosophie in Berlin. Sie sind nicht verdorrt und abgestorben; sie haben ihre treibende Kraft bewahrt – bis heute.
Noch einmal, im Herbst 1930, war Albert Schweitzer für kurze Zeit in Berlin, vor allem um seinen Lehrer Adolf von Harnack wiederzusehen und mit Albert Einstein zusammenzutreffen. In der Erinnerung an die Begegnung mit seinem Namensvetter – Schweitzer freute sich über die Duplizität der Vornamen – schrieb der Urwaldarzt 25 Jahre später an den Atomphysiker: "Wir stehen, auch ohne uns zu schreiben, in Gedankenverbindung miteinander, denn wir erleben unsere furchtbare Zeit miteinander in derselben Weise und ängstigen uns miteinander um die Zukunft der Menschheit. Als wir uns in Berlin sahen, hätten wir uns nicht vorstellen können, dass jemals eine solche Verbundenheit unter uns bestehen würde." (LWD, S. 245).
Wenn man in Günsbach war, kann man sich besonders gut vorstellen, welche Verbundenheit zwischen Menschen bestehen kann.
*
Die Einladung zum 17. Johannistreffen des Albert-Schweitzer-Hauses, die mich Anfang Februar aus dem elsässischen Günsbach erreichte, war wie der Impuls, der eine Saite zum Schwingen bringt. Seit vielen Jahren bin ich dem Hause Albert Schweitzers dankbar verbunden. Ali Silver, Tony van Leer und Vreni Mark übermittelten mir in ihren Briefen den allzeit gegenwärtigen Geist des einstigen Hausherrn, ließen mich Anteil haben am Gedeihen des Schweitzerschen Vermächtnisses in Günsbach und vielerorts auf der Welt, inspirierten mich immer wieder zur reich machenden Auseinandersetzung mit diesem universalen Werk. Die mühevoll zusammengetragene kleine Schweitzer-Bibliothek meines allzu früh verstorbenen Vaters wurde mir zum vertrauten Partner: Vermächtnis und Ansporn, Geschenk und Aufgabe. Im Günsbacher Archiv fand ich dann die Briefe meines Vaters wieder, die er nach Lambarene geschrieben hatte. Datumszahlen auf den Karteikarten markieren die Antworten und damit Stunden großer Freude in meinem Elternhaus; ich erinnere mich gut daran. Frau Vreni Marks Bekräftigung der Günsbacher Einladung, "Ich hoffe, dass Sie kommen können!", übertrug sich auf meine eigene Hoffnung. So brach ich auf nach Günsbach, das mich aufbrach.
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Kaum hat der Zug den Rhein überquert, rollt er sogleich durch die Banlieue von Straßburg. Plötzlich taucht der hohe Turm des Münsters aus dem Häusermeer auf. Ich habe darauf gewartet, empfinde für einen Augenblick Stefan Zweigs Beschreibung "dieser vielleicht schwerelosesten Kathedrale der europäischen Erde" in seinem Essay über einen Besuch bei Albert Schweitzer in Günsbach. Im nächsten Moment – Ankunft Strasbourg, Gare Centrale. Ich bin in Frankreich.
Dort, wo die Arme der Ill die Altstadt durchziehen, flaniere ich, taumelnd fast, durch "La Petite France". Meine Blicke können das kontrastreiche Leuchten des Fachwerks, die überschwängliche Pracht der Blumen, die Buntheit der offerierten Fayencen und Keramiken, die bis auf die Straßen und Gassen ausgedehnte Gastlichkeit der Cafés und Restaurants nicht geradlinig erfassen; ich muss mich drehen wie ein Kreisel – langsam, schnell –‚ muss innehalten, staunen.
Vor mir liegt St. Thomas, die "Kathedrale des elsässischen Protestantismus", deren Anfänge bis ins 9. Jahrhundert zurückreichen und die seit der Reformation im Jahre 1524 protestantisch geblieben ist. Unter ihrem Dach birgt sie das majestätische Grabmal für den französischen Marschall Moritz von Sachsen, einen Sohn des sächsischen Kurfürsten August der Starke, und die berühmte Orgel des Andreas Silbermann, der dem sächsischen Erzgebirge entstammt. Meine Gedanken fliegen hinüber in die sächsische Heimat, kehren zurück und bündeln sich besonnen in der erhabenen Gestalt Albert Schweitzers, dessen Spuren ich suche.
Er, der 1893 als Student in das Studienstift zu St. Thomas einzog und ihm zehn Jahre später als Direktor vorstand, bewahrte diese Orgel: "Die erste alte Orgel, die ich – mit welcher Mühe! – errettet habe, ist das schöne Werk von Silbermann zu St. Thomas in Straßburg." (LuD, S. 68). Er begründete hier im Jahre 1908 die Tradition der Orgelmusiken zum Gedenken an den Todestag Johann Sebastian Bachs.
Für ihn war die Musik des Leipziger Thomaskantors Architektur: "Dichterisch und malerisch ist seine Musik, weil ihre Themen dichterischen und malerischen Vorstellungen entsprungen sind. Aus ihnen entfaltet sich dann das Tonstück in vollendeter Tonlinien-Architektur. Was seinem Wesen nach dichterische und bildliche Musik ist, stellt sich als Klang gewordene Gotik dar." (LuD, S. 58).
Für mich ist auch Schweitzers Werk Architektur: der kühne Bau des Spitals in Lambarene, das unerschütterliche Gebäude seiner Ethik und ganz gewiss sein fundamentaler Anteil an der Konstruktion des europäischen Hauses. Ich freue mich darauf, Gast in den Räumen des genialen Architekten zu sein.
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Tony van Leer empfängt mich vor dem hoffnungsgrün bewachsenen Haus Albert Schweitzers, das vor kurzem wegen seines 60. Geburtstags zum guten Gedenken Anlass gab, wie einen vertrauten Freund. Seit 1971 arbeitet sie in diesem Hause, widmete sich vor allem dem Aufbau des Zentralarchivs. Von ihr gehen bewundernswerte Liebenswürdigkeit und natürliche Frische aus. Meine Freude spiegelt sich in ihrem Gesicht. Sie fragt mich nach meiner Familie, die sie – wie mich – nur aus meinen Briefen kennt. Ich bin aufgenommen wie alle, die mit mir als Teilnehmer des Johannistreffens in die Heimat Albert Schweitzers gekommen sind.
Über ein Jahrzehnt war Tony van Leer, wie Ali Silver aus Holland stammend, Albert Schweitzers Mitarbeiterin im Lambarene-Spital. In der Zeit ihres aufopferungsvollen Wirkens berichtete der Urwalddoktor: "Und Frl. Ali Silver, Frl. Toni van Leer, die schon so lang im Spital sind, leisten ihm ausgezeichnete Dienste mit der großen Erfahrung, die sie besitzen. Wirklich: Holland spielt eine große und schöne Rolle in meinem Werke seit vielen Jahren." (LWD, S. 266).
Einmal fragte ich Tony van Leer, die im holländischen Laren geboren ist, in Lambarene und Günsbach mit dem "Grand Docteur" Schulter an Schulter, Schreibtisch an Schreibtisch gearbeitet hat, die jetzt im französischen Gunsbach lebt, die deutsche und französische Sprache nach Belieben wechselt, welchem Land sie sich denn eigentlich verbunden fühle? "Holland natürlich", sagt sie schmunzelnd, ohne überlegen zu müssen.
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Ein Stückchen nur folge ich der Dorfstraße. Dann biegt rechts ein Pfad ab, windet sich durch das Dickicht der Bäume und Büsche, das er bald hinter sich lässt, und führt auf einen freistehenden Felsen, den Kanzrain. Von hier bietet sich den Augen ein reicher Blick hinunter auf die roten Dächer Günsbachs im stillen Münstertal, auf die Nadelspitze des Kirchturms, die über die Baumwipfel ragt, und hinüber auf die grüne Kette der Vogesen, auf deren Gipfelplateaus Holzstöße geduldig auf das große Johannisfeuer warten. "Hier oben möge ich, in Stein gehauen, meine Freunde empfangen; hier mögen sie meiner gedenken und das Rauschen des Flusses hören, das den Flug meiner Gedanken so oft begleitet hat. Hier ist meine Kulturphilosophie entstanden, hier verstand ich Jesus in seiner Zeit. Hier fühlte ich mich ganz zu Hause." (ASG, S. 7), schrieb Albert Schweitzer 1958. Kurz nach seiner Ankunft in Lambarene im April 1913 mahnte er seine Nichte: "Geh‘ oft hin an meiner Stelle – ich habe Heimweh danach!" (LWD, S. 34).
Ein voller Tag neigt sich, schon steht blässlich die Mondsichel am sommerlichen Himmel. Meine Finger ertasten behutsam den roten Vogesenstein, der das Straßburger Münster emporstrebend formte und dem Fritz Behn die markige Gestalt Albert Schweitzers gab. Aus dem massiven Steinblock wächst der Kopf. Die linke Faust stützt die gefurchte Stirn, während der rechten Hand der derbe Stift zum sechsten Finger wird, der das Ergebnis des Nachdenkens gültig in die steinernen Seiten des Buches stanzt: "Nun wußte ich, dass die Weltanschauung ethischer Welt- und Lebensbejahung samt ihren Kulturidealen im Denken begründet ist." (LuD, S. 132). Zwei klobige Schuhe brechen heraus aus dem Steinkoloss, verleihen dem Körper Erdgebundenheit und Standfestigkeit: "Auf die Füße kommt unsere Welt erst wieder, wenn sie sich beibringen lässt, dass ihr Heil nicht in Maßnahmen, sondern in neuen Gesinnungen besteht." (KuE, S. 190).
Ich gehe talwärts, nehme den sanft abschwingenden Wiesenweg. Grillen zirpen, das Gras duftet, und blaue Glockenblumen läuten stumm in dieser späten Abendstunde.
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Wir – der Student und die Professorin, der Arzt, der Informatiker und der Theologe, die Gäste und die großzügigen Gastgeber – trafen uns in Ali Silvers Haus. Sie hatte es AKEWA – das ist ein Wort aus Lambarene, zu deutsch: Dankeschön – genannt.
"Als Doktor Lauterburg nach getanem Werk den Operierten auf sein Lager trägt, tanzt ein alter Schwarzer feierlich vor ihm einher. Er weiß keine bessere Art, seinen Gefühlen Ausdruck zu geben. So wird König David vor der Bundeslade einhergetanzt sein. Alle Spitalinsassen umstehen das Lager des Operierten, der die Hände der Ärzte fasst und nicht müde wird, sie unter ständigem ‘Akewa! Akewa!‘ (Danke! Danke!) zu streicheln." (BaL, S. 151).
Wir waren aus vier Ländern gekommen, um in einem sehr offenen, von Herrn Pfarrer Peter Niederstein aus Tamins/ Graubünden behutsam geleiteten Gespräch der Ausstrahlung und der Verpflichtung Schweitzerscher Ethik und seines Lebenswerkes bis in unsere Tage nachzugehen. Konzentrierte Stille unterbrach die lebhaften Wortwechsel, wenn eine der drei unter uns weilenden Mitarbeiterinnen Albert Schweitzers – Tony van Leer, Vreni Mark, Sonja Poteau – bescheiden das Wort nahm und authentisch vom täglichen Geschehen in Lambarene berichtete oder Günsbacher Erinnerungen zum Leben erweckte. … Am Ende waren wir uns darin einig, dass jeder vor uns sein eigenes Lambarene bauen muss.
Meine Blicke wanderten von den Büchern Ali Silvers zu unseren Gesichtern und von dort hinaus auf das satte Grün der Wiesen des Münstertales: "Wenn im Frühjahr das welke Gras der Wiesen dem Grün Platz macht, geschieht dies dadurch, dass Millionen von Trieben aus den Wurzeln neu sprossen. So kann auch die geistige Erneuerung, die für unsere Zeit kommen muss, auf keine andere Weise zustande kommen, als dadurch, dass die Vielen ihre Gesinnung und Ideale aus dem Nachdenken über das Wesen des wahrhaft Guten neu gestalten." (LEL, S. 40).
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An den Außenmauern des Günsbacher Schweitzer-Hauses trägt der dicht rankende Wein die elementare Hoffnungskraft der Erde bis unters Dach. An den Innenwänden des Treppenhauses wachsen Orgeln empor; es sind die Bilder von Instrumenten, die Albert Schweitzer zum Klingen brachte und bewahrte. Im ehemaligen Wohnzimmer findet man in einer Vitrine neben dem Tropenklavier, das dem Orgelvirtuosen im afrikanischen Urwald fast 50 Jahre diente und ihm dort die einzige Entspannung schenkte, den Abguss der Hände Albert Schweitzers. Sie führten das Skalpell, segneten, erweckten Manuale zu Fugen und Chorälen, packten den derben Stiel der Schaufel, trösteten und hielten den Stift, bis er ihnen entfiel.
Tony van Leer erwartet uns in jenem schlichten Zimmer, das Albert Schweitzer als Arbeits- und Schlafraum diente und das so geblieben ist, wie er es im Jahre 1959 nach seinem letzten Besuch in Günsbach verließ: Der Schreibtisch. Schweitzer hatte die Gewohnheit, beschriebene Manuskriptseiten an dessen Seitenwand zu zwecken. Einmal, er hatte sich nach kräftezehrender nächtlicher Denk- und Schreibarbeit zur Ruhe gelegt, fand ein vierbeiniger Gast des Hauses genüsslichen Gefallen an dem kostbaren Papier und fraß es. Der Gastgeber, kleinlaut von dem Verlust unterrichtet, sagte nur: Das arme Tier, es muss sich mit dem unverdaulichen Zeug plagen. – Das Waschbecken. Daneben hängen weiße Leinenhandtücher, rot bestickt mit den Initialen A.S. und darunter mit dem Schriftzug "Docteur".
Tony van Leer erzählt, verschmitzt und gütig, eine der vielen Episoden um den "Grand Docteur", dessen schwarzer Mantelumhang, den er im November 1954 auf der Reise nach Oslo zur Entgegennahme des Friedensnobelpreises trug, so am Haken hängt, als würde der Hausherr ihn gerade abgelegt haben: Er war schon in seinem 80. Jahr, da musste er nach Brüssel fahren, um eine wichtige Rede zu halten, auf die er sich in Günsbach intensiv vorbereitet hatte. Unterwegs bedeutete ein junger Mann am Straßenrand durch ein unmissverständliches Handzeichen, dass er mitfahren wollte. Schweitzer ließ den Wagen anhalten und den Wartenden einsteigen. Dabei entfiel die Tasche mit der vorbereiteten Rede. Der folgenschwere Verlust wurde erst in Brüssel bemerkt, wo die Rede nicht abgesagt werden konnte. Albert Schweitzer sprach unter merklichen Anstrengungen frei in das Auditorium, das jedes Wort wog. Eine Frau hatte die Tasche gefunden und nach Günsbach zurückgesandt. Daraufhin schrieb ihr der dankbare Empfänger bis zu seinem Tode jährlich an jenem Tag einen Brief, an dem sie die Tasche entdeckt und dem Eigentümer zugestellt hatte.
Über dem Nachttisch neben dem weißen Bett, auf das eine blau gehäkelte Decke gelegt ist, hängen ein Bild des Orgelbauers Johann Andreas Silbermann und ein Medaillon Johann Sebastian Bachs, von dem Albert Schweitzer sagte, dass er eine Seele sei, "die sich aus der Unruhe der Welt nach Frieden sehnt und Frieden schon gekostet hat." (LuD, S. 58). Frieden. In diesem Raum ist Frieden. Albert Schweitzer lebte den Frieden, den wir alle brauchen.
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Ein Medizinstudent aus Freiburg im Breisgau, einer der Teilnehmer unseres Treffens, spielte an der Orgel der Günsbacher Kirche, in der bis heute evangelische und katholische Gottesdienste gleichberechtigt, allerdings zeitversetzt, gefeiert werden und in der die Frohe Botschaft in französischer und deutscher Sprache verkündet wird: Lutherrose und blumengeschmückte Madonna im Strahlenkranz, "Tout est accompli" und "Er ist unser Friede" in einem Raum, vereint durch das Kreuz. Die Klänge und die Farben der Orgel füllen den Raum und künden damit nicht zuletzt von Albert Schweitzer, der dieses Instrument als Ideal einer Dorforgel bauen ließ. In einem Reliefbildnis links über dem Spieltisch seines Instruments ist er uns gegenwärtig. Über der Mitte der Manuale ist das Instrument mit der Bachschen Maxime SOLI DEO GLORIA gesiegelt. In dieser Maxime fließen auch die Kraftlinien des Lebens Albert Schweitzers zusammen. Wir mögen sie uns neu zu Eigen machen!
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Der Abschied von Günsbach ist nicht Trennung sondern befestigte Verbindung; das Freundschaftspflänzchen in meinem Gepäck ist dafür ein lebendiges Zeichen. Über Straßburg, das das Denken Schweitzers bestimmend prägte, Frankfurt, das ihm den Goethepreis verlieh und dadurch das Günsbacher Haus werden ließ, und Weimar, wo ein liebevoll gestaltetes Museum zu Albert Schweitzer führen will, fuhr ich zurück nach Leipzig: Stadt des Thomanerchores, mit dem Albert Schweitzer unter Karl Straubes Leitung im Jahre 1935 in Straßburg konzertierte, Stadt der Verlage, die sich des Schweitzerschen Werkes annahmen, Stadt der Universität, die sich 1930 vergeblich um Albert Schweitzer als Extraordinarius für Neues Testament bemühte. Hier werde ich das Günsbacher Pflänzchen in der Hoffnung hegen, dass es neue Triebe hervorbringt. Aus den Trieben mögen neue Pflanzen werden. Ich werde sie weitergeben, damit – wie auf den Wiesen in Günsbach – welkes Gras dem Grün Platz machen muss.
Quellenverzeichnis
ASG Maison Albert Schweitzer: Albert Schweitzer und Günsbach. (Colmar o. J.).
BaL Briefe aus Lambarene 1924-1927. München. Verlag C. H. Beck 1955.
KuE Kultur und Ethik. München. C. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung 1953.
LEL Die Lehre der Ehrfurcht vor dem Leben. Berlin. Union Verlag 1988.
LuD Aus meinem Leben und Denken. Hamburg. Richard Meiner 1954.
LWD Leben, Werk und Denken 1905-1965. Mitgeteilt in seinen Briefen.
(Hrsg.: Hans Walter Bähr). Heidelberg. Verlag Lambert Schneider 1987.