Das Schweitzer- Spital und die religiösen Tiere von Lambarene
Der Pelikan
Das Krankendorf von Albert Schweitzer ohne die großen Ruderfüßer ist nicht vorstellbar. Das Buch „ Ein Pelikan erzählt aus seinem Leben“ von Albert Schweitzer erschien 1950. Der weiße Vogel wurde zum Prüfstein der Ethik des Urwalddoktors, denn Schweitzer musste das fünfte Gebot „ Du sollst nicht töten“ für sein Symboltier brechen, wenn es nicht selbst auf Fischfang gehen konnte. Beim Gehen auf den kurzen Beinen sahen die bis 14 Kilo Langschnäbler mit dem Kehlsack sehr schwerfällig aus. Sobald der Federkoloß auf dem Ogowe war, begann eine majestätische Leichtigkeit, die sich dann beim Fliegen vollendete. Mit einer verblüffenden Schnelligkeit starten die 3 Meter Spannweite und schweben elegant durch die Luft. Schweitzers „ Haustier“ landete oft auf dem Dach des Doktorhauses, wo es die Gäste begutachtete. Die beachtliche Reichweite und Schnelligkeit des Hamenschnabels werden gern unterschätzt, was schmerzhafte Erinnerungen bringt, wenn die fauchenden Warnlaute nicht beachtet werden. Unweit des Spitals nisten die interessanten und sehr scheuen Vögel in den Baumkronen in Brutkolonien. In sieben Jahren konnte ich verschiedene Pelikane und Meinungen zu Schweitzers Lieblingen erleben. Die Fußballmannschaft trägt den Namen Pelikan und die Post in Lambarene hat den Pelikan als Logo. Doch erst jetzt fand ich zufällig vielleicht die Motivation der über 80 jährigen Pelikan- Tradition in Adolinanongo, das unter dem Symbolnamen Lambarene für Schweitzers Afrikahilfe bekannt ist wie auch der Beginn in Andende oder das heutige Atadie. In Grzimeks Tierleben werden auch Sagen und Legenden zum Pelikan beschrieben. Da findet sich der Hinweis auf die frühchristliche Symbolik, die dem Kirchenmann Schweitzer bestimmt nicht unbekannt war: Das Urbild für menschliche Barmherzigkeit, gegenseitige Hilfe und christliche Nächstenliebe. So hatte ich den „ Parsifal“ und seine Nachfolger noch nie gesehen- als Christussymbol. Der Christ Schweitzer hatte damit seinen Jesus stets um sich. Die biblische Tiersymbolik ist auf zehn Seiten im Internet zu finden. Seit 2009 wird die religiöse Figur als Souvenir in der Nähstube des Spitals angefertigt und hat sofort seine Liebhaber gefunden. Der große Kehlsack ist das typische Markenzeichen für den Pelikan in der bunten Kollektion, zu der schon Affe, Elefant, Schildkröte, Giraffe, Flußpferd und natürlich Puppen zählen.
Das Flußpferd
Bisher war nur beim Oktober- Bootsausflug in der großen Regenzeit das biblische Tier aus Hiob 40- der Behemoth- nicht anzutreffen. Sonst ist das „ Nilpferd“ stets im Ogowe gewesen: Nicht galoppierend, sondern vom Grund des Flusses auftauchend, wo es Wasserpflanzen abweidet. Die Begegnung mit dem Paarhufer ist aber nicht ungefährlich, obwohl das „ Hippo“ plump mit seinen kurzen Beinen aussieht. In vorchristlicher Zeit wurden die Tiere zu Kampfspielen in die Arenen von Rom geholt. Heute bekommen nur unvorsichtige Bootsführer die unteren bis 50 cm langen Eckzähne zu spüren, wenn sie in das Wasserrevier der bis Dreitonner geraten. Auftauchend bringen die Säugetiere Wasserfahrzeuge zum Kentern. In den trüben ruhigen Gewässern können bis sechs Minuten die Kolosse abgetaucht über den Grund laufen und dann wasserausblasend auftauchen. Dieses urtümliche Erscheinen macht ihn bei den Naturvölkern zum gefürchteten Tier. Auch an Land verteidigen die Pflanzenfresser ihr Wohngebiet und können mit den rasiermesserscharfen Hauern, die ständig nachwachsen, sehr tiefe Fleischwunden hinterlassen. Anhöhen bieten keinen Schutz, denn das schweineartige Ungetüm zeichnet ein gutes Klettervermögen aus. An den Uferhängen finden sich schmale steile Pfade zu den nächtliche Weideplätzen. Tags liegen sie auf Sandbänken oder treiben im Wasser- meist im Familienverband. Mit etwas Geduld lassen sich die scheuen Schwimmer schon fotografieren, wenn der Platz des Atemholens richtig erraten wurde.
Der Hund
Namentlich bekannt als Schweitzers Lieblingshund ist Tschü- Tschü. Auch Aurillac, Bobi, Jobli, Caramba, Salambo, Hannibal und Rita liefen 1931 umher. Im Spitalgelände tummelten sich ganze Rudel und Schweitzer war 1964 wegen einer Tollwut- Epidemie gezwungen, auch 40 „ Heiden“ zu töten, wie der abwertende Vergleich mit diesen Tieren im Judentum ausfällt. Bei Schweitzer gab es keine religiösen Vorurteile und auch keine Beschneidung für die Bewegungsfreiheit der Vierbeiner. Heute ist die Zahl der Hunde und ihrer Liebhaber minimal. Nur die Gäste und Kinder im Spital geben sich liebevoll mit kleinen Welpen ab. Größere Tiere haben keinen Streichelstatus und müssen sich sogar nachts mit ihren fliegenden Artgenossen auseinandersetzen, obwohl die Flughunde nur Früchte verzehren. Beim Mango- Mahl unter den Bäumen gibt es gelegentlich lautstarke territoriale Platzverweise der Wachhunde in ihren Revieren, während das Tack, Tack, Tack der Namensvetter aus den Baumkronen nur die Zweibeiner stört. Im Licht der Taschenlampen glühen die Augen der komischen Nachtvögel, die aber Säugetiere sind. Schmunzelnd wird Schweitzer auch mit den „ Hunden des Herrn“ Konversation gepflegt haben- so bezeichneten sich selbst humorvoll die Dominikaner aus der lateinischen Übersetzung.
Der Papagei
Nur noch selten sind Begegnungen mit der „ Jungfrau Marie“, wofür der Papagei als mittelalterliches Symbol stand. Beim Bootsausflug nach Ngomo kann der schnelle Beobachter in den Uferbäumen Graupapageien entdecken, besonders wenn Boots- Führer Yaya auf die Vögel hingewiesen hat. Die typischen bunten tropischen Dschungelbewohner sind es nicht, sondern die eher kleinen und unscheinbaren Stumpfschwanzvögel, die einst in großen Schwärmen lautstark über die Gipfel dahinflogen, wenn die Pirogen sie aufgescheucht hatten. Bei den Flußfahrten heute mit dem Motor sind die Laute der vorzüglichen Sprechkünstler nicht zu hören. Bei Albert Schweitzer sind Kudeku, Habakuk, Jacot und Sakku bekannt. Letzterer wurde über 40 Jahre alt und verstarb 1992 in der Schweiz, wohin der Urwalddoktor seinen Pflegling seit 1951 gegeben hatte. Bis dahin erfreute das Nachplappern in französisch, elsässisch und in afrikanischen Dialekten die Zuhörer im Spital.
Die Ziege
Heute ist sie wieder vereinzelt im 120 Hektar großen Gelände bei den Gebäuden des Personals angebunden. In Schweitzers 40 Hektar Krankendorf sorgten 200 freilaufende Ziegen und einige Schafe für Milch, Dünger, Rasenmähen und Ärger, wenn sie die Obstbaumstämme anfraßen. Freude gab es, als 1928 Mathilde Kottmann vier Gaisen aus Europa mitbrachte. Der Ziegenbock ist in der Historie das Sinnbild für Lucifer. Der Urwalddoktor wollte mit Hans und Peter eine gute Rasse züchten. Herzeleid und Rosalie sind zwei der Lieblingsziegen von Schweitzers großer Herde, die aber 1970 geschlachtet wurde. Heute muss ein lautstarker Benzinfresser das Urwaldgrün kurz halten, während echte Ziegen noch als Brautpreis gefragt sind.
Eberhart Wissel