31. Oktober 2009

Rezension zur Albert-Schweitzer-Biografie" von Nils Ole Oermann


Nils Ole Oermann: Albert Schweitzer. Eine Biographie. C. H. Beck, München. 367 S., geb., 24,90 €.

Prof. Dr. Hartmut Kegler

(Erschienen im Neuen Deutschland- Oktober 2009)

Genie der Menschlichkeit

Albert Schweitzer und die Ehrfurcht vor dem Leben

In zahlreichen Biografien wurden Leben, Denken und Wirken jenes Menschen beschrieben, den man ein »Genie der Menschlichkeit« und die »bedeutendste Seele der Christenheit« nannte, aber in seiner weltweiten moralischen Autorität auch mit Mahatma Gandhi verglich. Dennoch ist er heute leider immer weniger bekannt, obwohl seine Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben aktueller ist denn je. Gerade deshalb ist es zu begrüßen, wenn mit einem neuen Werk an ihn, Albert Schweitzer, nicht nur erinnert wird, sondern dessen Persönlichkeit durch Erschließung bisher nicht bekannter Quellen in menschlich ergreifendem Licht erscheint. Nils Ole Oermann, in Oxford ausgebildeter Historiker, habilitierter Theologe und Direktor am Forschungsbereich »Religion, Politics and Economics« an der Humboldt-Universität zu Berlin, kommt das Verdienst zu, unserer Zeit und Generation Schweitzer als einen »echten Weltbürger mitten im Urwald« erneut nahe gebracht zu haben. Man erlebt in dieser Abhandlung Schweitzers »Genie der Einheit in der Vielfalt«, seine Fähigkeit zu vertieftem theoretischem Denken und zugleich perfektem praktischem Handeln. »Menschen überall in der Welt zum praktischen Tun zu bewegen – das ist Schweitzers wichtigstes Verdienst«, schreibt der Autor. Hinzuzufügen sei, dass es sich um praktisch-ethisches Tun handelte, was er vieltausendfach mit seinem Beispiel ausgelöst hat.Dabei kommt er uns in diesem Buch auch dadurch menschlich näher, dass gezeigt wird, wie schwer ihm oft Entscheidungen gefallen sind, mit welchen Widerständen er zu kämpfen hatte und welchen Verleumdungen er ausgesetzt gewesen war. Die Antwort auf die Frage, wer denn Jesus von Nazareth historisch war, brachte die Kirchen gegen ihn auf, obwohl er ihnen mit dem historischen Jesus eine Chance angeboten hat. Die Entscheidung, als Arzt nach Afrika zu gehen und dort Not leidenden Menschen zu helfen, ist Albert Schweitzer trotz des Rufes »Du aber folge mir nach!« nicht leicht gefallen und war das Ergebnis langen inneren Ringens. Denn die Nachfolge Jesu bedeutete für ihn nicht nur die Aufgabe der eigenen gesicherten Existenz, sondern eine neue übermenschliche Belastung.Bewegend schildert der Autor auch die bedeutende Rolle von Schweitzers »treuer Kameradin« Helene Bresslau-Schweitzer, deren »Leben im Schatten eines großen Mannes« alles andere als leicht gewesen ist.Viel Aufmerksamkeit widmet der Biograf Schweitzers Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben, indem er deren Entwicklung und Wesen mit Aussagen von Sokrates, Kant, Nietzsche und Goethe in Verbindung bringt und nachweist, dass diese Ethik keineswegs banal, sondern im besten Sinne elementar ist. Sein »Urwaldhospital« sah Schweitzer bekanntlich als »Symbol« seiner Lebens- und Weltanschauung, das er aber nicht zum moralischen Aushängeschild der westlichen Welt machen lassen wollte. Auch mit dem »Homo politicus« Albert Schweitzer befasst sich der Autor ausführlich. Schweitzer war »peinlich darauf bedacht, sich von keiner Seite tagespolitisch vereinnahmen zu lassen«, stellt Oermann fest. Er könne sich wie ein Politiker inszenieren, ohne als Politiker agieren zu müssen. Doch erfuhr er besonders in dieser Richtung viel Argwohn und Bosheit. Aufschlussreich sind die Briefwechsel, die er mit Helmut Schmidt und Willy Brandt auf der einen und mit Gerald Götting sowie Robert Havemann auf der anderen Seite geführt hat. Letzterem wollte er sogar brieflich zur Seite stehen, als er Verfolgungen in der DDR ausgesetzt war. Dass er in Analogie zum Briefwechsel mit Kennedy und Chruschtschow auch in Deutschland mit beiden Seiten korrespondierte, nahm man ihm im Westen sehr übel, aber Schweitzer stand wohl über derartigem Gezänk.Auch sein Umgang mit den Afrikanern wird im Buch erörtert, wobei man unter damaligen und dortigen Verhältnissen gelebt und gearbeitet haben muss, um sich ein Urteil erlauben zu können. Authentischer sind dem Kenner dabei die Ansichten von Schweitzers langjährigen Mitarbeitern wie Walter Munz, Emma Haußknecht, Edith Fischer und anderen als die von Journalisten, die einen Augenblick dort hinsahen und sich dann ein Urteil erlaubten. Gültig bleibt der Eindruck, den Norman Cousins von Albert Schweitzer hatte, dass man kein Engel sein muss, um als »Heiliger« zu gelten.Oermann beschließt sein akribisch verfasstes, dem Gedenken an Schweitzers Tochter Rhena gewidmetes Werk mit einer detaillierten Zeittafel, ausführlichen Literaturhinweisen sowie Sach- und Namensregistern, die eine schnelle Orientierung und weitere Studien ermöglichen. Möge dieses Buch viele Leser finden und sie zur Nachfolge im Geiste der Ehrfurcht vor dem Leben anregen.