
Zum Andenken an Rhena Schweitzer Miller
(14.1.1919 – 22.2.2009)
Lily Huber
In Los Angeles verstarb am Sonntag, den 22. Februar 2009, kurz nach ihrem 90. Geburtstag, Rhena Schweitzer Miller, die einzige Tochter des Urwaldarztes Albert Schweitzer von Lambarene, und seiner Frau Helene.
Wie ihr Vater Albert Schweitzer ist Rhena an einem 14. Januar (1919) geboren. Am Tag ihrer Geburt war er gerade 44 Jahre alt, seine Frau Helene konnte elf Tage später ihren 40. Geburtstag feiern. Aus Freude und Dankbarkeit über den Zuwachs spielte Schweitzer noch in der gleichen Nacht stundenlang auf der Orgel in der Kirche St. Thomas in Strassburg, wo er meistens die Werke Bachs einübte.
Rhenas Mutter, Helene Schweitzer-Bresslau, erkrankte schon vor ihrer Heirat an Tuberkulose. Als Helene, wegen des Krieges in Europa, mit ihrem Mann zusammen im September 1917 in Lambarene festgenommen und als Gefangene in französische Internierungslager nach Europa gebracht wurde, brach die Tuberkulose wieder aus. Somit konnte sie aus gesundheitlichen Gründen und auch, weil jetzt eine kleine Tochter zu betreuen war, ihren Mann nur noch zeitweise nach Lambarene begleiten. Auf Empfehlung eines befreundeten Arztes baute Schweitzer noch vor seiner zweiten Ausreise nach Afrika für seine Frau ein Haus in Königsfeld, einem Städtchen im Schwarzwald, wo sie die kleine Rhena bei sich haben und sich erholen konnte. Helene und Rhena lebten dort, bis sie 1933 vor den Nazis nach Lausanne flüchten mussten. (Helene Schweitzer war jüdischer Herkunft.) Nach dem Krieg ernannte Königsfeld Albert Schweitzer zum Ehrenbürger. Dass das Lambarene-Spital, das Helene mit ihrem Mann 1913 aufgebaut hatte, überhaupt in Amerika bekannt wurde, ist vor allem ihr zu verdanken. In den Monaten Oktober und November 1938 bewältigte die hervorragend Englisch sprechende Helene nämlich, trotz wiederkehrender gesundheitlicher Probleme, eine achtwöchige Lambarene-Werbetour in den USA.
Etliche Jahre arbeitete Rhena Schweitzer Miller als Leiterin des klinischen Labors in Lambarene bei ihrem Vater. Sie führte das Binokular-Mikroskop, das Dunkelfeld und die Elektrische Zentrifuge ein, dazu die Liquordiagnostik und die Bakteriologie, und sie baute den Blutspendedienst des Spitals aus. Nach Schweitzers Tod am 4. September 1965 trat sie die Nachfolge an und übernahm die Administration des Spitals, so wie er es sich in seinem Testament gewünscht hatte. Gewiss hatte sie, als Tochter so überragender Eltern, kein leichtes Erbe angetreten. Es gelang ihr aber sehr gut, sich selbst zu werden und zu sein und zugleich so aktiv am Werk ihrer Eltern mitzuschaffen.
Rhenas zweiter Mann, Dr. med. David Critcherson Miller, starb am 27. März 1997 in den USA. Dr. Miller galt in Fachkreisen weltweit als anerkannter Herzspezialist. 1960 arbeitete er das erste Mal bei Dr. Schweitzer in Lambarene. Angetan und überzeugt von dessen Werk und Menschlichkeit leistete Dr. Miller zusammen mit seiner Frau Rhena unzählige medizinische und humanitäre Einsätze in Bangladesch, Südvietnam, Äthiopien, Ägypten, Nigeria, Haiti, im Jemen und in Pakistan. Als unermüdlicher Förderer des geistigen Gedankenguts Albert Schweitzers unterstützte er aber auch alle Unternehmen seiner Frau Rhena im Andenken an ihren Vater.
Bis vor kurzem betreute Rhena Schweitzer Miller das Werk ihres Vaters so gewandt wie ehedem. Mindestens einmal pro Jahr, wenn der internationale Stiftungsrat tagte, flog sie zu den jeweils mehrtägigen Sitzungen nach Lambarene. Sie nahm die Verantwortung im Stiftungsrat der „Internationalen Stiftung für das Albert-Schweitzer-Spital in Lambarene“ (FISL) wahr sowie in der „Internationalen Vereinigung für das geistige Werk Albert Schweitzers (AISL) und arbeitete aktiv in amerikanischen Organisationen mit, die der Verbreitung des geistigen, ethischen, künstlerischen und medizinischen Werks ihres Vaters dienten und noch dienen, wie z.B. in der 1940 in Boston gegründeten „The Albert Schweitzer-Fellowship“.
Bei Reisen nach Europa und während den Aufenthalten in Günsbach (Elsass), in Frankfurt oder bei ihren Kindern in der Schweiz machte Rhena Schweitzer Miller stets auch Halt im 1998 eröffneten „Museum und Forum Albert Schweitzer“ in Tuggen am oberen Zürichsee, das sie von Anfang an ideell begleitet und unterstützt hatte. Leider musste dieses nach erfolgreichen Jahren im Herbst 2006 mangels Nachfolge aufgelöst werden.
Rhena Schweitzer Miller hinterlässt drei Töchter und einen Sohn und deren Kinder. Die Tochter Christiane lebt mit ihrer Familie in den USA. Bei ihr hat Rhena nach dem Tod ihres Gatten ein neues Heim gefunden.
Nach einem Sturz mit Folgen eines Beckenbruchs erholte sich Rhena Schweitzer Miller nicht mehr und verstarb nur fünf Wochen nach ihrem 90. Geburtstag. Für die Albert-Schweitzer-Freunde und die humanitären Schweitzer-Werke auf der ganzen Welt ist dies ein grosser Verlust. Wir trauern um eine liebe, kämpferische Nachfahrin des legendären Urwaldarztes von Lambarene, um eine liebenswerte Frau, Gattin und vierfache Mutter, die dem Beispiel ihrer Eltern folgte und mit grossem Engagement in der Welt ebenso viel an Güte und Barmherzigkeit zurückgelassen hat.
Lily Huber, ehem. Redaktorin der „Berichte aus Lambarene“ und Vizepräs. des Schweizer Hilfsvereins für das Albert-Schweitzer-Spital in Lambarene, Leiterin des Museums und Forums Albert Schweitzer in Tuggen