13. April 2008

Die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben


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S T I F T U N G
A L B E R T- S C H W E I T Z E R- G E D E N K- U N D B E G E G N U N G S S T Ä T T E

W E I M A R Stifter: Albert-Schweitzer-Komitee e.V.




Vorbemerkung:

Die Zeitung „AUFBAU Reconstruktion“ ist eine jüdische Exilzeitung die in

16 Jahrgängen bis Ende 1950 in New York in deutscher Sprache erschien.

In ihr sind hochinteressante Artikel über Albert Schweitzer und Albert Einstein

zu finden.

Ausgabe Vol. XVI No. 8, Freitag 24. Februar 1950:

Ehrfurcht vor dem Leben


Von Albert Schweitzer

Für das Internet aufbereitet: Alfred Ullmann

In unseren Zeiten der Diskussion um die Frage, ob eine so grausige Waffe wie die Hydrogen-Bombe hergestellt resp. angewandt werden soll oder nicht, geschieht es nur allzu leicht, dass die Gespräche darüber an der Oberfläche bleiben. Die kürzlich vom „Aufbau“ gebrachten Aeusserungen Einsteins sind in ihrer einfachen, überzeugenden und vor allem von jeder Tagespolitik fernen Logik nur zu verstehen, wenn sie als ein Beitrag zur Ethik unserer Zeit aufgefasst werden. Ethik ist nur ohne Kompromisse, also abseits vom Gebiet der unser Leben ruinierenden Politik denkbar.

Wahrhaft ethisch ist der Mensch nur, wenn er der Nötigung gehorcht, allem Leben, dem er beistehen kann, zu helfen, und sich scheut, irgend etwas Lebendigem Schaden zu tun. Er fragt nicht, inwiefern dieses oder jenes Leben als wertvoll Anteilnahme verdient, und auch nicht, ob es noch empfindungsfähig ist. Das Leben als solches ist ihm heilig. Er reisst kein Blatt vom Baume ab, bricht keine Blume und hat acht, dass er kein Insekt zertritt. Wenn er im Sommer nachts bei der Lampe arbeitet, hält er lieber das Fenster geschlossen und atmet dumpfe Luft, als dass er Insekt um Insekt mit versengten Flügeln auf seinen Tisch fallen sieht.

Geht er nach dem Regen auf der Strasse und erblickt den Regenwurm, der sich darauf verirrt hat, so bedenkt er, dass er in der Sonne vertrocknen muss, wenn er nicht rechtzeitig auf Erde kommt, in der er sich verkriechen kann und befördert ihn von dem todbringenden steinigen Boden ins Gras. Kommt er an einem Insekt vorbei, das in einen Tümpel gefallen ist, so nimmt er sich die Zeit, ihm ein Blatt oder einen Halm zur Rettung hinzuhalten. . . .

Heute gilt es als übertrieben, die stete Rücksichtnahme auf alles Lebendige bis zu seinen niedersten Erscheinungen herab als Forderung einer vernunftgemässen Ethik auszugeben. Es kommt aber die Zeit, wo man staunen wird, dass die Menschheit so lange brauchte, um gedankenlose Schädigung von Leben als mit Ethik unvereinbar einzusehen.

Mit rastloser Lebendigkeit arbeitet die Ehrfurcht vor dem Leben an der Gesinnung, in die sie hineingekommen ist, und wirft sie in die Unruhe einer niemals und nirgends aufhörenden Verantwortlichkeit hinein. . . .

Sie braucht nicht auf die Frage Antwort zu geben, was das auf Erhaltung, Förderung und Steigerung von Leben gehende Wirken ethischer Menschen im Gesamtverlaufe des Weltgeschehens bedeuten kann. Sie lässt sich nicht irre machen durch die Erwägung, dass die von ihr geübte Erhaltung und Vollendung von Leben neben der gewaltigen, in jedem Augenblick durch Naturgewalten erfolgenden Vernichtung von Leben fast nicht in Betracht kommt. Wirken wollend, darf sie doch alle Probleme des Erfolges ihres Wirkens dahingestellt sein lassen. Bedeutungsvoll für die Welt ist die Tatsache an sich, dass in dem ethisch gewordenen Menschen ein von der Ehrfurcht vor dem Leben und der Hingebung an Leben erfüllter Wille zum Leben in der Welt auftritt.

In meinem Willen zum Leben erlebt sich der universelle Wille zum Leben anders als in den anderen Erscheinungen. In diesen tritt er in einer Individualisierung auf, die soviel ich von aussen bemerke, nur ein Sich-Selbst-Ausleben, kein Einswerden mit anderem Willen zum Leben erstrebt. Die Welt ist das grausige Schauspiel der Selbstentzweiung des Willens zum Leben. Ein Dasein setzt sich auf Kosten des anderen durch, eines zerstört das andere. Ein Wille zum Leben ist nur wollend gegen den andern, nichts wissend von ihm. In mir aber ist der Wille zum Leben wissend von andern Willen zum Leben geworden. Sehnen, zur Einheit mit sich selbst einzugehen, universal zu werden, ist an ihm. Warum erlebt sich der Wille zum Leben so nur in mir! Liegt es daran, dass ich die Fähigkeit erlangt habe, über die Gesamtheit des Seins denkend zu werden? Wohin führt die in mir begonnene Evolution?

Auf diese Fragen gibt es keine Antwort. Schmerzvolles Rätsel bleibt es für mich, mit Ehrfurcht vor dem Leben in einer Welt zu leben, zu der Schöpferwille zugleich als Zerstörungswille und Zerstörungswille zugleich als Schöpferwille waltet.

Ich kann nicht anders, als mich an die Tatsache halten, dass der Wille zum Leben in mir als Wille zum Leben auftritt, der mit anderm Willen zum Leben eins werden will. Sie ist mir das Licht, das in der Finsternis scheint. Die Unwissenheit unter der die Welt getan ist, ist von mir genommen. Ich bin aus der Welt erlöst. In Unruhe, wie sie die Welt nicht kennt, bin ich durch die Ehrfurcht vor dem Leben geworfen. Seligkeit, die die Welt nicht geben kann, empfange ich aus ihr. Wenn in der Sanftmut des Andersseins als die Welt ein anderer und ich uns in Verstehen und Verzeihen helfen, wo sonst Wille andern Willen quälen würde, ist die Selbstentzweiung des Willens zum Leben aufgehoben. Wenn ich ein Insekt aus dem Tümpel rette, so hat sich Leben an Leben hingegeben, und die Selbstentzweiung des Lebens ist aufgehoben. Wo in irgendeiner Weise mein Leben sich an Leben hingibt, erlebt mein endlicher Wille zum Leben das Einswerden mit dem unendlichen, in dem alles Leben eins ist . . .

Darum erkenne ich es als die Bestimmung meines Daseins, der höheren Offenbarung des Willens zum Leben in mir gehorsam zu sein. Als Wirken wähle ich die Selbstentzweiung des Willens zum Leben aufzuheben, soweit der Einfluss meines Daseins reicht. Das eine, was not ist, wissend, lasse ich die Rätsel der Welt und meines Daseins in ihr dahingestellt.

Das Ahnen und das Sehnen aller tiefen Religiosität ist in der Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben enthalten. Aber diese baut es nicht zu einer geschlossenen Weltanschauung aus, sondern ergibt sich darein, den Dom unvollendet lassen zu müssen. Nur den Chor bringt sie fertig. In diesem aber feiert die Frömmigkeit lebendigen und unaufhörlichen Gottesdienst.