
Biographie
© Association Internationale de l'Oeuvre du Docteur Albert Schweitzer de Lambaréné (AISL)
ALBERT SCHWEITZER - LEBEN UND WERK
von Ursula Müller

Vorwort
Geschichtlicher Rahmen
Zeitgenossen
Lebensdaten
Vorwort
Über Albert Schweitzers Lebenslauf gibt es hinreichend gute Lektüre, so dass ich darauf verzichten werde, diese nochmals chronologisch oder nach Schwerpunkten geordnet zusammenzufassen. Stattdessen möchte ich hier einige Empfehlungen weitergeben. Allen voran seien die beiden autobiografischen Bücher genannt:

Aus meiner Kindheit und Jugendzeit deckt etwa den Zeitraum bis zum Abitur ab. Aus meinem Leben und Denken stammt von 1931 und endet durch diesen Umstand bedingt zu diesem Zeitpunkt, genauer 1929. Diese beiden Arbeiten sind chronologisch aufgebaut, lesen sich leicht - wie Schweitzer überhaupt bei seinen sämtlichen Büchern um Einfachheit der Sprache bemüht ist, ohne deswegen primitiv zu wirken. Weiterhin habe ich Zwischen Wasser und Urwald als geradezu kurzweiligen und doch sehr informativen Erlebnisbericht seines ersten Afrika-Aufenthalts empfunden.
Wer es lieber kürzer mag, sollte sich an eine Zusammenfassung von Schweitzers Selbstzeugnissen von Jacques Feschotte aus dem Jahr 1952 halten. Es ist in dem Buch Albert Schweitzer, Genie der Menschlichkeit enthalten. Darin befindet sich auch ein kurzer, eher literarischer Beitrag von Stefan Zweig über eine Begegnung mit ihm. Als interessante Alternative kann ich auch die Rowohlt-Monografie von Harald Steffahn empfehlen. Sie umfasst das ganze Leben Schweitzers, ist thematisch geordnet und enthält viele Fotos.
Eine Auflistung seiner BUCHTITEL UND SCHRIFTEN mag als Ausdruck dafür genügen, wie viel dieser Mann gearbeitet hat. Zum Teil sind die Bücher auch schon Beispiel seines Bedürfnisses, für andere tätig zu werden. Denn die beiden Bachausgaben hat Albert Schweitzer nur auf Bitten des Pariser Organisten Charles Marie Widor und eines Verlegers geschrieben. Und die Bücher über die Leben-Jesu-Forschung sind entstanden, weil er bei seinen Studenten an der Straßburger Universität entsprechenden Bedarf ausmachte. Ablesen lässt sich an seinem Schrifttum ebenfalls, welch große Rolle Wort und Sprache(n) für ihn spielten. Daneben gibt es sowohl von Freunden veröffentlicht als auch aus dem Nachlass eine schier endlose Menge von Briefen. Etliche seiner Vorträge wurden ebenfalls als Buch herausgegeben, u.a. aus den letzten Lebensjahren Friede oder Atomkrieg.
Um so viele Buchstaben - in welcher Form auch immer - zu Papier zu bringen, muss ein Mensch neben den zahllosen weiteren Beschäftigungen erst einmal die Zeit finden, oder genauer: sich die Zeit nehmen. Albert Schweitzer war immer wieder dafür dankbar, über eine solch robuste Gesundheit zu verfügen. Sie äußerte sich u. a. darin, dass er mit sehr wenig Schlaf auskam, - ein Umstand, der ihm erst dieses Arbeitspensum erlaubte.
1898 in französisch verfasste Gedenkschrift zum frühen Tod seines ehem. Musiklehrers, der ihn an Bach heranführte, dem Organisten Eugen Münch
1898/99 Kant-Dissertation
1901 Habilitation über Das Messianitäts- und Leidensgeheimnis
1905 J.S. Bach, le musicien-poète (in frz. Sprache auf Anregung von Charles MarieWidor geschrieben)
1906 Deutsche und französische Orgelbaukunst
1906 Von Reimarus zu Wrede (die Geschichte der Leben-Jesu-Forschung, v. a. für Studenten gedacht)
1908 J.S. Bach (auf deutsch völlig neu geschriebenes und noch umfangreicheres Werk als das französische)
1909 Internationales Regulativ für Orgelbau (mit F.X. Mathias)
1911/12 Geschichte der Paulinischen Forschung
1913 Dissertation über Die psychiatrische Beurteilung Jesu
1913 Abschluss der erweiterten Leben-Jesu-Forschung
1915 Ehrfurcht vor dem Leben und Arbeit an der Kulturphilosophie
1920 Zwischen Wasser und Urwald (spannendes Buch über den 1. Afrika-Aufenthalt)
1923 Verfall und Wiederaufbau der Kultur
1923 Kultur und Ethik
1924 Aus meiner Kindheit und Jugendzeit
1930 Die Mystik des Apostels Paulus
1935 Die Weltanschauung der indischen Denker (Das Buch gibt einen ausgezeichneten Überblick und damit guten Einstieg in das Thema! Hauptlinien sind klar herausgearbeitet, ebenso Zusammenhänge und Unterschiede.)
1938 Afrikanische Geschichten
1950 Ein Pelikan erzählt aus seinem Leben
TITEL UND EHRUNGEN geben darüber hinaus eine Ahnung davon, welche Ausstrahlung dieser Mensch hatte. Der Umfang kann derart erschlagend wirken, dass man sich fragt: Wie kann das in einem einzigen Menschenleben möglich sein? Manch einer gäbe etwas darum, sich nur mit einem davon schmücken zu können.
1899 Doktor der Philosophie
1900 Lizentiat der Theologie (entspricht einem Doktor-Titel)
1913 Doktor der Medizin
1920 Ehrendoktor der theol. Fakultät in Zürich
1925 Ehrendoktor der Philosophischen Fakultät der dt. Universität zu Prag
1928 Goethe-Preis der Stadt Frankfurt für sein gesamtes literarisches Werk (das Geld erlaubt den Bau des Günsbacher Hauses im Elsass, seiner neuen Anlaufstation und "Verwaltungszentrale" in Europa nach dem Tod des Vaters)
1930 Ruf an die Universität Leipzig, theol. Fakultät (abgelehnt)
1932 Einladung zu einer Rede zum 100. Todestag Goethes in Frankfurt a.M.
1949 Einladung zu einer Rede in Aspen, Colorado zum 200. Geb. Goethes
1952 Friedenspreis des deutschen Buchhandels
1952 Prinz-Karl-Medaille, verliehen vom schwedischen König
1952 Ehrenmitgliedschaft der Académie des Sciences Morales et Politiques in Paris
1952 Paracelsus-Medaille (erste medizinische Ehrung)
1952? Ehrenbürgerrecht der Stadt Munster im Elsass
1953 Friedensnobelpreis rückwirkend für 1952 (nach Lambarene geschickt; 1954 durch König Haakon in Oslo übergeben; die Preissumme erlaubt ein Lepradorf in Lambarene "aus einem Guss")
1955 Orden Pour-le-Mérite (überreicht von Theodor Heuss)
1959 Sonning-Preis (in Kopenhagen entgegengenommen, das Geld wird in Lambarene investiert)
1960 Albert Schweitzers Porträt auf der ersten 200 Francs-Briefmarke der neu gegründeten Republik Gabun

Die Aufzählungen möchte ich noch durch zwei Stichwort-Pakete ergänzen. Das erste betrifft Charakterzüge, die mir ganz besonders auffielen und teilweise sehr imponierten:
die Fähigkeit, Interessenvielfalt mit Tiefgang zu kombinieren
die ausgeprägte Strukturiertheit
Entschlusskraft, die ihn auch größte Hindernisse überwinden lässt
der Reiz, Herausforderungen anzunehmen und die Disziplin, auch Dinge zu bewältigen, die ihm weniger liegen
ausgeprägte Einfachheit und Bescheidenheit in allen erdenklichen Lebensbereichen
Pflichtgefühl und Dankbarkeit
die Pflege persönlicher Beziehungen und ihre Bedeutung für Schweitzer
der Umgang mit Heimat, Nationalität und Zweisprachigkeit
tiefe Religiosität und große Empfindsamkeit
Wahrung seiner Mitte (trotz Vielseitigkeit keine Verzettelung)
Der letzte Block wirft ein Licht auf die vielen Aktivitäten und Interessen, mit denen er sich mindestens über lange Zeiträume immer wieder einmal beschäftigte und mit denen er früher oder später auch Geld verdiente, um sein Lebenswerk Lambarene zu finanzieren. Meistens handelt es sich um Verzahnungen, denn bei ihm lief vieles im Leben parallel oder griff nahtlos ineinander:
Theologie: Studien, Predigen (erst mit Anstellung in Straßburg, später in Lambarene) und Dozententätigkeit an der Universität Straßburg
Musik, Musik und nochmals Musik, insbes. Orgelspiel (von Kindheit an), Orgelbau und Leidenschaft für Bach
philosophische Studien und Entwurf der Lehre von der Ehrfurcht vor dem Leben
Schriftstellerei zu allen seinen Interessengebieten (Religion, Kultur, Philosophie, Musik, Orgelbau)
medizinische Studien, sein Wirken als Arzt
Bauherrentätigkeit (Lambarene war immer wieder zu klein)
Vorträge an vielen Universitäten Europas
Wie die Welle nicht für sich sein kann, sondern stetig an dem Wogen des Ozeans teilhat, also können wir unser Leben nie für uns allein erleben, sondern immer nur in dem Miterleben des Lebens, das um uns her statthat. Albert Schweitzer
In diesem Sinne werde ich im Folgenden den Versuch machen, Albert Schweitzers Lebenslauf in den Verlauf der Geschichte einbetten. Entscheidend ist dabei für mich die Frage, in welcher Zeit und durch welche Einflüsse Schweitzer in seinen jungen Jahren geprägt wurde.

Geschichtlicher Rahmen
GESCHICHTLICHER RAHMEN (zur Zeit um Albert Schweitzers Geburt)

Vorwort
Geschichtlicher Rahmen
Zeitgenossen
Lebensdaten
Das Elsass Da das Elsass, Albert Schweitzers Geburtsregion, in den deutsch-französischen Beziehungen ein ständiger Stein des Anstoßes gewesen ist, werde ich auf diesen Part etwas ausführlicher eingehen.
Das zunächst keltisch besiedelte, dann z.T. römisch besetzte Elsass erfuhr im 5. Jhd. eine germanische Überflutung. Die Stabilität der Sprachgrenze zur Romania lässt auf die Gleichwertigkeit der zwei Kulturkreise schließen. Die Straßburger Eide von 842 wurden in beiden Sprachen verfasst und sind Zeichen einer beginnenden nationalen Sonderung.
Im späten Mittelalter und im 16. Jhd. kamen die ersten intellektuellen Fehden über die Zugehörigkeit des Elsass zum deutschen oder zum französischen Bereich auf. In Straßburg wird das Eindringen der französischen Sprache durch das lutherische Stadtregiment stark gehemmt. Daran ändert auch die Eingliederung in den französischen Machtbereich nach 1648 nur wenig. Die alten Zollgrenzen und die wirtschaftlichen Beziehungen zum Reich bleiben bestehen. 1685 wird die Frage aufgeworfen, wie Sprachgebrauch und politischer Loyalismus zusammenhängen.
Im 18. Jhd. ist das Französische dann Vorbedingung für den höheren Staatsdienst und Integration in die höhere Gesellschaft. Im Reich wird abhängig von wechselnden Bündnissen die Zugehörigkeit des Elsass zu Frankreich mal hingenommen, mal in Frage gestellt. Erst unter der französischen Revolution wird es in den französischen Zoll- und Wirtschaftsraum integriert, was zum teilweisen Verlust der herkömmlichen Handelsbeziehungen führt. Auf den ersten begeisterten Elan der 'deutschsprachigen Franken' folgt die Ernüchterung. Das Regime fordert u.a. Aufgabe der deutschen Sprache.
Die jakobinische Idee der einheitlichen Sprachnation unter dem Motto 'eine Nation, eine Sprache' wurde in Deutschland umgemünzt in 'eine Sprache, eine Nation' und galt damit als Legitimation deutscher Ansprüche auf das Elsass. Gleichzeitig machte das Französische im Zuge wirtschaftlicher und politischer Integration langsame Fortschritte. Im deutsch-französischen Krieg ist 1870 mit der Zerstörung der Straßburger Bibliothek ein wesentlicher Teil des elsässischen Erbes untergegangen. Bei den Gesichtspunkten für die Nationbildung stießen Argumente der Rasse, Sprache und Zustimmung des Volkes aufeinander. Nach der französischen Niederlage erfolgte 1871 die Annexion an Deutschland.
Das Zeitalter Bismarcks
Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts brachte Deutschland entscheidende innen- und außenpolitische Veränderungen. Mit der rapide zunehmenden Industrialisierung war als neue gesellschaftliche Gruppe die Industriearbeiterschaft entstanden. Ihre soziale und materielle Lage war schlecht. Die Formierung ideologischer und politischer Interessenvertretungen sowie wachsende Spannungen kennzeichneten die Lage. Zugleich gewannen Liberalismus und ein wachsender deutscher Nationalismus an Bedeutung. Preußen war die führende Macht im Norddeutschen Bund, in dem der preußische Ministerpräsident Otto von Bismarck den maßgeblichen Einfluss ausübte.
Der preußische Erbprinz Leopold von Hohenzollern-Sigmaringen kandidierte 1870 um den seit 1866 verwaisten spanischen Thron, was für Frankreich eine diplomatische Schlappe bedeutet hätte. Bismarck, der einen Krieg wollte, agierte indes so geschickt, dass Kaiser Napoleon III. in der Folge Preußen den Krieg erklärte. Wider Erwarten schlossen sich die süddeutschen Staaten dem Norddeutschen Bund an. Nach einer Serie von Siegen, u.a. in der Schlacht von Sedan, hatte Frankreich nicht nur den Krieg, sondern auch seine Vormachtstellung in Europa verloren. Und Bismarck nutzte seinerseits die nationale Begeisterung für die Bildung der deutschen Einheit.
Dabei wurde auch Elsass-Lothringen vom deutschen Reich vereinnahmt, denn laut Reichskanzler Bismarck, den man dazu erst überreden musste, blieb offiziell "nichts anderes übrig, als diese Landstriche mit ihren starken Festungen vollständig in deutsche Gewalt zu bringen, ... um sie gegen Frankreich zu verteidigen und um den Ausgangspunkt etwaiger französischer Angriffe um eine Anzahl von Tagesmärschen weiter zurück zu legen...." Bismarck. Damals bewegte man sich ja vornehmlich zu Fuß und zu Pferde fort. Ursprünglich stand der Einverleibung Elsass/ Lothringens "die Abneigung der Einwohner selbst ... entgegen. Es ist nicht meine Aufgabe, hier die Gründe zu untersuchen, die es möglich machten, dass eine urdeutsche Bevölkerung einem Lande mit fremder Sprache und mit nicht immer wohlwollender und schonender Regierung in diesem Maße anhänglich werden konnte." Am 9. Juni 1871 wurde die Doppelprovinz staatsrechtlich 'mit dem Deutschen Reiche für immer vereint'.
König Wilhelm I. wurde als gemeinsames Staatsoberhaupt auch von den süddeutschen Staaten anerkannt, und er ließ sich zum Deutschen Kaiser ausrufen. Das Zweite Deutsche Reich war gegründet. Es bekam eine bundesstaatliche Verfassung mit dem erbrechtlichen Kaiser an der Spitze, der den Reichskanzler berief. Dessen Stellung beruhte demnach auf Vertrauen mit dem Monarchen, und es bestand keinerlei Verantwortlichkeit gegenüber dem von den Bürgern - freilich nicht von allen - gewählten Parlament. Eine demokratische Entwicklung im Reich war so aus verschiedenen Gründen stark gehemmt.
Aufgrund der geografischen Mittellage Deutschlands knüpfte Bismarck ein ausgedehntes Netz von Bündnissen und Abkommen, um ein Gleichgewicht der europäischen Mächte zu erhalten. Innenpolitisch hatte Otto Graf von Bismarck mit neuen Problemen zu kämpfen, welche die Industrialisierung verursachte. Die Bevölkerung in den Städten wuchs rasch an, Mietskasernen kamen auf, der wirtschaftliche Aufschwung ging an den Arbeits- und Lebensverhältnissen der Massen, auch der Industriearbeiter, vorbei.
Zwei Attentatsversuche auf den Kaiser nahm Bismarck 1878 zum Anlass, ein Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie zu realisieren. Eine zunehmende Entfremdung der Arbeiterschaft von dem deutschen Obrigkeitsstaat setzte ein. Das konnte auch die folgende große Sozialreform der 1880er Jahre mit Einführung der Kranken-, Unfall- und Rentenversicherung nicht aufhalten. Nach dem Tod von Wilhelm I. führten Differenzen mit dessen Enkel Wilhelm II. 1890 zur Entlassung Bismarcks. Das komplexe außenpolitische Bündnissystem des ersten deutschen Kanzlers brach unter dem an später Kolonialpolitik und einem bedeutenden Deutschland (Platz an der Sonne) interessierten neuen Kaiser zusammen. Die Sozialistengesetze wurden - weil sie die Entwicklung der Arbeiterbewegung nicht gehemmt, sondern eher gefördert hatten - zurückgenommen.
Als Albert Schweitzer in Kaysersberg im Elsass geboren wurde, war der deutsch-französische Krieg von 1870/71 gerade einmal 3 ½ Jahre vorbei. Als dessen Folge kam Albert Schweitzer als Deutscher und nicht mehr als Franzose zur Welt. In seinen Büchern bezeichnete er sich und andere Menschen aus der Gegend durchgängig als Elsässer, ohne dass ich je den Eindruck hatte, er wolle mit dieser Bezeichnung einem Lokalpatriotismus frönen. (Immerhin sollte das staatsrechtlich formulierte Für-Immer auch in diesem Fall nur ein knappes halbes Jahrhundert andauern.)
Persönlich scheint Albert Schweitzer von dem nationalen Hin und Her eher profitiert zu haben, denn er wurde ein Wanderer zwischen den Welten, erst zwischen Frankreich und Deutschland; später als Deutscher auf französischem Kolonialgebiet. Und überhaupt pflegte er viele ausländische Beziehungen. Nationalitätenstreit hielt er allgemein für ein zu überwindendes Hemmnis. Seine Familie wurde durch die verschobene Grenze plötzlich in zwei Nationalitäten getrennt. Eine wichtige Rolle spielten die beiden Brüder seines Vaters. Den einen hatte es vor dem Krieg als Dozenten an die Sorbonne, den anderen als Kaufmann im Peru-Handel nach Paris verschlagen. Dorthin fuhr er mindestens einmal im Jahr, später vor allem auch, um sich mit dem Organisten Charles Marie Widor zu treffen.
In der Familie Schweitzer ging man ganz selbstverständlich zweisprachig miteinander um. Dennoch bemerkt Albert Schweitzer, dass er zuerst deutschsprachig sei. So beobachtet er beispielsweise, dass er auf deutsch und nicht auf französisch träume. Und da er vor allem den elsässischen Dialekt gewöhnt war, der deutschen Ursprungs ist, sieht er hierin den wichtigsten Grund für die Vorrangigkeit der deutschen Sprache. Auch die meisten seiner Bücher hat er auf deutsch verfasst, sich aber grundsätzlich an der Zielgruppe orientiert.
Als Kind beeindruckte ihn die historische Situation naturgemäß nicht im Mindesten, sondern er war mächtig stolz darauf, in einem guten Weinjahr geboren zu sein und in einer Stadt, Kaysersberg, wo der für manchen seiner mittelalterlichen Zeitgenossen unbequeme Prediger Geiler von Kaysersberg aufgewachsen war.
Der rechte Glaube
Als das Elsass durch Ludwig XIV. französisch wurde, bestimmte dieser, um die Protestanten zu demütigen, dass in den protestantischen Dörfern, in denen zum mindesten sieben katholische Familien wohnten, den Katholiken der Chor eingeräumt werden müsste. Allsonntäglich sollte ihnen die Kirche zu bestimmten Stunden für ihren Gottesdienst zur Verfügung stehen. So kommt es, dass manche Gemeinden sich entschlossen, den Katholiken eine besondere Kirche zu erbauen. Zu Günsbach aber und anderswo ist die protestantisch-katholische Kirche bis auf den heutigen Tag bestehen geblieben.
Der katholische Chor, in den ich hineinschaute, war für mich der Inbegriff der Herrlichkeit... und durch die Chorfenster hindurch schaute man auf Bäume, Dächer, Wolken und Himmel hinaus, auf Welt, die den Chor der Kirche in die unendlich Ferne fortsetzt ... So wanderte mein Blick aus der Endlichkeit in die Unendlichkeit. Stille und Friede überkam meine Seele.
Mit diesen Jugenderinnerungen hängt es zusammen, dass ich den Bemühungen um einen protestantischen Kirchentypus kein Verständnis entgegenbringen konnte. Wenn ich Kirchen sehe, in denen moderne Architekten das Ideal der "Predigtkirche" verwirklichen wollen, wird mir weh ums Herz. Eine Kirche ist viel mehr als ein Raum, in dem man eine Predigt anhört. Sie ist ein Ort der Andacht. Das kann sie aber nicht, wenn der Blick ringsum auf Mauern aufprallt. Das Auge bedarf stimmungsvoller Ferne, in der das äußerliche Schauen sich zum innerlichen wandelt. Der Chor ist also nicht etwas Katholisches, sondern er gehört zum Wesen der Kirche überhaupt. ...
Noch eins habe ich aus der zugleich protestantischen und katholischen Kirche mit ins Leben hinausgenommen: religiöse Versöhnlichkeit. Die aus einer Herrscherlaune Ludwigs XIV. entstandene protestantisch-katholische Kirche ist mir mehr als eine merkwürdig geschichtliche Erscheinung. Sie gilt mir als Symbol dafür, dass die konfessionellen Unterschiede etwas sind, das bestimmt ist, einmal zu verschwinden. Als Kind schon empfand ich es als etwas Schönes, dass in unserem Dorfe Katholiken und Protestanten in derselben Kirche Gottesdienst feierten. ...
Freilich, wenn gerade zwei etwas hitzköpfige Seelenhirten sich in das Gotteshaus zu teilen haben, kann es geschehen, dass dieses Gemeinsame nicht zur Eintracht erzieht... So kam es im 18. Jhd. in einem Dorfe des Unterelsass einmal vor, dass an einem Pfingstmontag der protestantische Pfarrer seine Predigt hielt, während der katholische die Messe las. Albert Schweitzer
1870, im Jahr vor Schweitzers Geburt, erhob die katholische Kirche die Unfehlbarkeit des Papstes (ex cathedra) zum Dogma.
Kulturkampf / Staat und Kirche
Auf Betreiben von Reichskanzler Bismarck soll im ganzen Reich, auch im Elsass, das Verhältnis von Kirche und Staat neu geregelt, d.h. der gerade gegründete deutsche Nationalstaat dem geistlichen Einfluss entzogen werden. In diesem Zuge wird in Preußen die Zivilehe eingeführt und die Beurkundung des Personenstandes den Standesämtern übertragen. Außerdem wird das gesamte Schulwesen dem Staat unterstellt.
Kirche und Christen verstehen sich vielfach mehr als früher als tätige Helfer von benachteiligten Menschen. (Seit 1848 gab es im Reich einen Zentralausschuss für die Innere Mission als Ergänzung zur Missionstätigkeit in den Kolonien.) Der evangelische Pfarrer Friedrich von Bodelschwingh übernimmt 1872 die Leitung der noch recht neuen Heil- und Pflegeanstalt für Epileptische in Bethel. Er führt in diesem Heim die Arbeitstherapie ein: Auch der Schwächste bekommt eine Aufgabe, die seinen Fähigkeiten angemessen ist. Während der Wirtschaftskrise nach 1870/71 bitten auch immer mehr Arbeitslose um Aufnahme in die Anstalt. Bodelschwingh gibt Arbeit statt Almosen.
Albert Schweitzer konnte Lambarene nur aufbauen und unterhalten, indem er u.a. die Angehörigen der Kranken oder diese, nachdem sie genesen waren, dazu anhielt, vor Ort mitzuarbeiten. Das war äußerst schwierig, denn nichts lief nach der europäisch anerzogenen Arbeitsmoral... Hat einer der Schwarzen bei mir im Spital gearbeitet, gilt er als "ausgebildet". Er wird leicht Arbeit finden, denn die Leute sagen: "Ja, wenn er´s bei dem ausgehalten hat..." Albert Schweitzer
Soziale Frage In der 2. Hälfte des 19. Jhd. gab es in einer Familie durchschnittlich 5 ½ Geburten. Von diesen Kindern erreichten nur zwei das heiratsfähige Alter.
Albert Schweitzer, aus einem als wohlhabend geltenden Pfarrershaus, war das zweite von fünf Kindern, und die Familie hatte streckenweise große Geldnöte. Bis zu seinem zweiten Lebensjahr muss er so schwächlich gewesen sein, dass "keine der zur Feier gekommenen Pfarrfrauen der Umgebung wagte der Mutter ein Kompliment über das magere Kindchen mit dem gelben Gesichtchen zu machen. Alle ergingen sich in verlegenen Redensarten. Da konnte sich meine Mutter ... nicht mehr beherrschen. Sie ... weinte heiße Tränen über mir. Einmal hielt man mich gar für tot." Albert Schweitzer
Der Besuch des Mülhausener Gymnasiums war nur möglich, weil sich sein Pate mit seiner Frau bereit erklärte, den Jungen in dieser Zeit bei sich aufzunehmen und für ihn zu sorgen.
In den 1860er Jahren bildeten sich verschiedene Arbeitervereine. August Bebel, Wilhelm Liebknecht sind Vertreter solcher Bewegungen. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit! und Einigkeit macht stark! waren damals Wahlsprüche auf sozialdemokratischen Bannern.
Erst 1878 wird die Kinderarbeit in Fabriken verboten, in Landwirtschaft und Heimarbeit bleibt sie erlaubt. Für Kinder unter 14 Jahren wird die tägliche Arbeitszeit auf sechs Stunden begrenzt, für Jugendliche bis 16 Jahren auf zehn Stunden. Kinder unter 12 Jahren dürfen erst nach Ableistung der sechsjährigen Schulpflicht erwerbstätig werden.
Zahlreiche öffentliche und private Sozialhilfeträger schließen sich 1880 in Berlin zum Deutschen Verein für Armenpflege und Wohltätigkeit zusammen. Ziel ist die Vereinheitlichung der Fürsorge im Reichsgebiet. Der Zusammenschluss ist notwendig geworden, weil die Zuständigkeit für die Armenpflege nicht mehr klar war.
Im gleichen Jahr werden in Berlin rund 60 000 Schlafgänger registriert. In der Regel sind das unverheiratete Fabrikarbeiter und Handwerksgesellen. Durch Vermietung von Schlafstellen an diese bessern Familien ihr oft schmales Einkommen auf, deren Wohnungen dadurch zumeist überfüllt sind. An Sonn- und Feiertagen müssen sich Schlafgänger weitgehend außer Haus aufhalten. Sie dürfen auch möglichst nicht krank werden, denn ihre Betten werden zu anderer Tageszeit dringend von anderen Personen gebraucht.
Die emanzipatorische Untersuchung Die Frau und der Sozialismus von August Bebel erscheint (wegen des Sozialistengesetzes illegal) in Leipzig. Gleich nach Erscheinen findet das Buch weite Verbreitung.
Albert Schweitzer kommt es entsprechend dem Zeitgeist nicht in den Sinn, in seinen Büchern seine Ehefrau Helene Breßlau viel zu erwähnen, obgleich er von dieser sehr große Unterstützung erfuhr. Erst sehr spät spricht er zum ersten Mal von ihr und betont, wie dankbar er ihr für all die Opfer ist, welche sie auf sich genommen hat. Auch sie hat im Hinblick auf das gemeinsame Projekt Lambarene noch einen weiteren Beruf erlernt und wurde Krankenschwester. Da sie anders als ihr Mann das Klima in Äquatorialafrika überhaupt nicht vertrug, war sie einverstanden, immer wieder über sehr lange Zeiträume von ihm getrennt zu leben. Diese erheblichen Trennungsphasen in Kauf zu nehmen, - so mein Eindruck - dankte er ihr am meisten.
Kolonialpolitik Die Welt besteht in Schweitzers Jugend aus einer ersten und einer dritten Welt. Die erste stellen die europäischen Nationalstaaten und die USA dar, in denen die Industrialisierung fortgeschritten ist, in denen Schulpflicht herrscht und sich allmählich bürgerliche Verhältnisse durchzusetzen beginnen. Die dritte Welt - bestehend eigentlich aus den selben Ländern wie heute - ist weitgehend und oft nach militärischen Aktionen von der ersten kolonialisiert.
Die größte Weltmacht stellt dabei das britische Empire dar, aber auch alle anderen Staaten haben Kolonien. Von dort beziehen sie die für die Industrialisierung erforderlichen Rohstoffe, aber auch - wie schon seit hunderten von Jahren - Gewürze, exotische Nahrungs- und Genussmittel und sonstige interessante Waren. In den Kolonien herrscht vielfach Sklaverei. Die staatliche Verfassung besteht meist in unmittelbarer Machtausübung durch die Kolonialherren, teilweise gibt es mehr oder weniger bedeutsame Teilhabe an der Macht durch Eingeborene (wie die der indischen Maharadschas unter den britischen Vizekönigen).
Frankreich hatte später und weniger umfangreich als England seine Kolonialpolitik entwickelt und namentlich in Afrika große Einflussgebiete unter seine Kontrolle gebracht. Die nördliche Kongoprovinz Gabun mit Lambarene ist Teil davon. Deutschland wurde als letztes Land Kolonialmacht und gelangte diesbezüglich international nicht mehr zu einer bedeutenden Rolle.
Natürlich spielt auch die Kirche als Träger der Äußeren Mission in den Kolonien eine oft zwiespältige Rolle. Missionar sein wollte Schweitzer nicht, aber er hat in Lambarene viel mit ihnen zu tun, hält sogar nach einigen Monaten auf deren Bitten hin Predigten.
"Die britische Flagge deckte im Jahre 1912 einen Flächenraum von 11.516.821 englischen Quadratmeilen ... Das stellt annähernd ¼ der festen Erde dar und ist weitaus das gewaltigste Herrschaftsgebiet, welches es jemals in der Geschichte der menschlichen Rasse gegeben hat. Das britische Reich hatte 1911 434.286.650, das ... deutsche (mit all seinen Kolonien) nicht ganz 80 Millionen Einwohner. ... Das ,größere Britannien' bedarf keines fremden Staates, um alles auf den Markt zu liefern, was das Menschenherz begehrt. Die arktische Welt Labradors liefert Fischbein, Zentralafrika Elfenbein. Kanada bringt Weizen, Hölzer und Biberfelle, Australien Fleisch, Wolle, Getreide und Weine. Südafrika versorgt die Welt mit Gold und Edelsteinen, Straußenfedern und Angoragarn, dazu ebenfalls mit Wolle und Weinen. Indien produziert Reis und Baumwolle, Jute und Indigo, Weizen und Gewürze; Zeylon Kaffee, Tee, Kakao und Vanille, Westindien Tabak und Zucker, Rum und Kaffee; der Indische Ozean schenkt wertvolle Perlen; aus Westafrika kommen Gummiarten und Gold, Orseille und Pflanzenöle, aus Samaliland Felle und Straußenfedern; aus Ägypten Baumwolle und Weizen." (Carl Peters, England und die Engländer, Hamburg 1917)
Albert Schweitzer hat sich schon als Schüler sehr für Geschichte und Tagespolitik interessiert. Seine Haltung zur Kolonisation dokumentiert er so: Wir hätten zwar kein Recht "primitiven und halbprimitiven Völkern ... unsere Herrschaft aufzudrängen... Nun ist aber der Welthandel ... eine Tatsache, gegen die weder sie noch wir etwas vermögen. Durch den Welthandel sind sie Unfreie geworden. ... Auf Grund der durch den Welthandel geschaffenen Lage kann es sich bei diesen Völkern also nicht um eine wirkliche Selbständigkeit handeln, sondern nur darum, ob es für sie besser ist, der Habgier eingeborener Machthaber ... ausgeliefert zu sein, oder von Beamten europäischer Staaten regiert zu werden.
Dass ... viele (der europäischen Beamten) es an Ungerechtigkeit, Gewalttätigkeit und Grausamkeit den eingeborenen Häuptlingen gleich taten und damit eine große Schuld auf uns geladen haben, ist nur zu wahr." Interessanterweise sieht er sich selbst als Erbe von Kolonialmächten in der Schuld. Weiter schreibt er: "Was die so genannte Selbstverwaltung für primitive und halbprimitive Völker bedeutet, ist daraus zu entnehmen, dass in der Negerrepublik Liberia die Haussklaverei und die noch weit schlimmere zwangsweise Verschiffung von Arbeitern ins Ausland bis in unsere Tage bestanden. Am 1. Oktober 1930 wurden sie, auf dem Papiere, aufgehoben."
"Der wahre Reichtum dieser Völker würde darin bestehen, dass sie dahin kämen, möglichst alles, was sie zum Leben notwendig haben, durch Ackerbau und Gewerbe selber hervorzubringen. Statt dessen sind sie einseitig darauf bedacht, das, was der Welthandel braucht und gut bezahlt, zu liefern. ... In Zeiten, wo der Holzhandel gut geht, herrscht ständig Hungersnot im Ogowegebiet (Flussdelta, in dem Lambarene liegt), weil die Eingeborenen das Anlegen von Pflanzungen unterlassen... Steigender Export beweist nicht immer, dass eine Kolonie vorwärts kommt, sondern kann auch besagen, dass sie auf dem Wege ist, zugrunde zu gehen."
In Bezug auf die Erziehung der Eingeborenen ist für Schweitzer völlig klar: "Ackerbau und Handwerk sind das Fundament der Kultur. Nur wo es vorhanden ist, sind die Voraussetzungen für die Bildung und das Bestehen einer kaufmännisch und intellektuell beschäftigten Bevölkerungsschicht gegeben. Mit den Eingeborenen der Kolonien aber - und sie selber verlangen es so! - verfährt man, als ob ... Lesen und Schreiben der Anfang der Kultur seien. ... Für ihre Kultur ist es wichtiger, dass die Eingeborenen lernen Ziegel brennen, mauern, Stämme zu Brettern zersägen, mit Hammer, Hobel und Meißel umgehen, als dass sie in Lesen und Schreiben glänzen und gar mit a+b und x+y rechnen können.
Zuletzt ist alles, was wir den Völkern der Kolonien Gutes erweisen, nicht Wohltat, sondern Sühne für das viele Leid, das wir Weißen ... über sie gebracht haben."
Fortbewegung / Verkehr und Erfindungen
Da seit jeher das Pferd die Zugkraft für Fuhrwerke gewesen war, werden die Tiere auch benutzt, nachdem in den Städten Geleise verlegt worden sind. Die ersten Pferde an Schienenwagen wurden in Bergwerken eingesetzt, doch auch der Schienen-Überlandverkehr, z.B. die 127 km zwischen Budweis und Linz, wird mit Zweispännern überbrückt. Schienen haben den Vorteil, dass die Last leichter fortzubewegen ist und man mit weniger Pferden auskommt als bei herkömmlichen Fuhrwerken. Dies ist die Verkehrssituation um Albert Schweitzers Geburt herum.
Namhafte Eisenbahnstrecken für Dampfloks hat es in Deutschland und Frankreich seit Mitte des Jahrhunderts gegeben. Um 1870 erreichten sie Ausdehnungen von ca. 20.000 km. Das entspricht jeweils etwa 1/3 der Netzlänge von 1910. Werner von Siemens revolutionierte 1879 das Eisenbahnwesen durch die erste brauchbare elektrische Lokomotive.
Keine 10 Jahre vor Albert Schweitzers Geburt wird der erste wirtschaftlich arbeitende Explosionsmotor (Otto-Motor) gebaut. Allgemeingut sind solche Errungenschaften deshalb noch lange nicht.
Vor 1877 wurden Schiffe in Deutschland ausschließlich in handwerklichen Betrieben aus Holz gebaut. Große eiserne Schiffe kauften die Reeder in Großbritannien. 1877 wird in Hamburg der Grundstein der ersten deutschen Werft Blohm & Voss gelegt. Die Förderung von Schiffbau und Kriegsflotte unter Wilhelm II. sind als Herausforderung des britischen Weltreichs eine der späteren Ursachen für den 1. Weltkrieg.
Albert Schweitzer nutzte gern und oft die modernen Verkehrsmittel. Beim Orgelbau hingegen wurde er sehr massiv tätig, um alte, mechanische Orgeln vor Modernisierungen und den daraus resultierenden klanglichen Veränderungen zu bewahren. Freunde sagten ihm nach, in Afrika rette er alte Neger und in Europa alte Orgeln.
In der Dorfschule erlebte ich das Aufkommen des Fahrrades. Mehrmals schon hatten wir gehört, wie die Fuhrleute sich gegen Menschen ereiferten, die auf hohen Rädern einher rasten und die Pferde erschreckten. Eines Morgens aber, während wir in der Pause auf dem Schulhof spielten, wurde bekannt, dass im Wirtshaus an der Straße drüben ein 'Geschwindläufer' eingekehrt sei. Die Schule und alles vergessend, rannten wir hin und bestaunten das hohe Rad, das draußen stand. Auch viele Erwachsene fanden sich ein und warteten mit uns, dass der Fahrer mit seinem Schöppele Wein fertig wäre. Endlich trat er heraus. Da lachte alles, dass ein erwachsener Mann kurze Hosen trug. Und schon saß er auf seinem Rad und fuhr auf und davon.
Im vorletzten Jahr auf dem Gymnasium kam ich selber in den schon lange heißersehnten Besitz eines Rades. ... Es war ein schon gebrauchtes Rad und kostete zweihundertunddreißig Mark. Damals galt es aber noch für unziemlich, dass Pfarrerssöhne Rad fuhren. Zum Glück setzte mein Vater sich über diese Vorurteile hinweg. An Stimmen, die das 'hochmütige' Unternehmen seines Sohnes tadelten, hat es nicht gefehlt.
Die Jugend von heutzutage kann sich nicht mehr vorstellen, was das Aufkommen des Rades für uns bedeutete. Eine bisher ungeahnte Möglichkeit, in die Natur hinauszukommen, wurde uns aufgetan. Ich habe sie reichlich und mit Wonne ausgenützt. Albert Schweitzer
Ganz zufällig beobachtete Albert Schweitzer wie am 3. Mai 1910 ein Flieger ... als erster Straßburg überflog...
Medizin
Die Chirurgie hat in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts Fortschritte gemacht, nachdem Äther und Chloroform als Betäubungsmittel entdeckt und nutzbar gemacht worden sind. Eine Rolle für erfolgreiche Operationen spielen die neuen Mittel zur Keimabtötung. Auch sonst gab es im Bereich Medizin viel Neues, das für uns heute selbstverständlich ist: Die Mikroskopie wird enorm vorangetrieben, dadurch verschiedene Krankheiten und Krankheitserreger erforscht, z.B. Cholera, Typhus. Und Schlag auf Schlag wird Neues entdeckt, 1882 beispielsweise der TBC-Erreger (damals Schwindsucht genannt).
In Paris gab es eines der ersten Institute für Tropenmedizin. Im Zuge der Vorbereitungen für Lambarene kaufte A. Schweitzer 1912 nicht nur Behandlungsmaterial für 1 Jahr ein (von den 70 aufgegebenen Kisten waren persönliche Dinge mit Sicherheit das Wenigste), er studierte dort zusätzlich noch einige Monate Tropenmedizin.
Und noch eine soziale Tatsache in medizinischem Rahmen: 1877 lässt sich Franziska Tiburtius als erste Ärztin in Berlin nieder. Sie hat in Zürich studiert, weil Frauen in Deutschland erst ab 1901 zum Medizinstudium zugelassen sind. Albert Schweitzers spätere Ehefrau Helene Bresslau, die schon lange im Vorfeld das Afrika-Projekt mittrug, begnügte sich in diesem Zusammenhang mit der für Frauen damals üblichen Ausbildung zur Krankenschwester, obgleich sie in Lambarene praktisch u.a. Funktionen innehatte, die man heute Anästhesisten vorbehalten würde.
Schulwesen und Unterricht
1872 wird als eine der ersten Maßnahmen im Kulturkampf zwischen Staat und Kirche in Preußen ein Gesetz erlassen, das alle kommunalen und privaten Schulen unter staatliche Aufsicht stellt.
Der naturwissenschaftliche Unterricht hatte für mich etwas eigentümlich Aufregendes. Ich wurde das Empfinden nicht los, dass man uns nicht genug sagte, wie wenig man von dem, was in der Natur vorgeht, auch wirklich versteht... Ihre zuversichtlichen auf das Auswendiglernen zugeschnittenen Erklärungen ... befriedigten mich in keiner Weise. ... Ein besonderes Rätsel war mir immer die Bildung des Regentropfens, der Schneeflocke und des Hagelkorns. Es verletzte mich, dass man das absolut Geheimnisvolle der Natur nicht anerkannte und zuversichtlich von Erklärung sprach, wo man es in Wirklichkeit nur zu.. Beschreibungen gebracht hatte... Schon damals wurde mir klar, dass uns das, was wir als Kraft und als 'Leben' bezeichnen, seinem eigentlichen Wesen nach immer unerklärlich bleibt.
So gingen die Liebe für die Geschichte und die für die Naturwissenschaften bei mir Hand in Hand. Nach und nach erkannte ich, dass auch das geschichtliche Geschehen voller Rätsel ist, und dass wir es für immer aufgeben müssen, die Vergangenheit wirklich zu verstehen. Auch hier ist uns nur ein mehr oder weniger eindringendes Beschreiben beschieden.
Unausstehlich waren mir vom ersten bis zum letzten Schuljahr die Stunden, in denen Gedichte 'durchgenommen' wurden. Dass mir ein Gedicht nahe gebracht werden sollte, indem man es erklärte, empfand ich als etwas Hässliches und Unsinniges. Mit dem, was man dazuredete, zerstörte man mir ja nur die Ergriffenheit, in die mich das Werk des Dichters versetzt hatte. An einem Gedicht, so meine ich auch heute noch, ist nichts zu erklären. Man muss es erleben." Albert Schweitzer
Kunst
1876 finden die ersten Bayreuther Festspiele statt. Sie erregen beim Publikum, darunter auch Wilhelm I. und Komponisten wie Peter Tschaikowski große Aufmerksamkeit. Wagner plante ein eigenes Theater, das durch finanzielle Unterstützung von Ludwig II. von Bayern später vollendet werden konnte.
Mit der Verehrung Bachs ging bei mir die Richard Wagner zusammen. Als ich mit sechzehn Jahren als Gymnasiast zu Mülhausen zum ersten Mal ins Theater durfte, war es, um Richard Wagners Tannhäuser zu hören. Diese Musik überwältigte mich so, dass es Tage dauerte, bis ich wieder fähig war, dem Unterricht in der Schule Aufmerksamkeit entgegenzubringen.
Ein großes Erlebnis war es für mich , dass ich im Jahre 1896 in Bayreuth der denkwürdigen ersten Wiederaufführung der Tetralogie nach der Uraufführung von 1876 beiwohnen konnte. Pariser Freunde hatten mir die Karten geschenkt. Um die Kosten der Reise bestreiten zu können, musste ich mich mit einer Mahlzeit am Tage begnügen. Albert Schweitzer
(Wem ist Kunst heutzutage noch solche Opfer wert? Oder ist die Kunst so mittelmäßig oder unbedeutend geworden, dass sie solcher Opfer nicht mehr wert scheint?)
Richard Wagners zweite Ehefrau, die Franz-Liszt-Tochter Cosima, lernte er kennen und hielt bis zu deren Tod Kontakt zu ihr.
Zur Malerei fiel mir ein Zweifaches auf: In Geschichtsbüchern spielt diese noch zu Albert Schweitzers Geburt eine große Rolle, während gleichzeitig die Fotografie immer stärker in den Vordergrund tritt. Viele Porträts und Industriebilder wie Das Eisenwalzwerk von Adolph von Menzel, Stimmungsbilder des Alltagslebens, aber auch aufwändige Karikaturen entstanden damals. Schweitzer ließ sich zwar als alter Mann porträtieren, hat sich aber davon abgesehen nicht nennenswert für bildende Kunst interessiert. Allenfalls fühlte er sich als Betrachter von Plastiken angesprochen.
Damals noch kein Alltag
Deutschland übernimmt das einheitliche metrische Maßsystem in den Jahren 1870 bis 1872.
Ab 1874 werden reihenweise deutsche Fußballvereine gegründet, der Beginn eines regen deutschen Vereinslebens.
Karl Linde erfindet in Schweitzers Geburtsjahr 1875 den Kühlschrank.
1876 wird das erste brauchbare Telefon gebaut.
In diesem Jahr beginnt auch die Serienherstellung der Gartenzwerge. Sie werden prompt im In- und Ausland zum Verkaufsschlager.
1880 wird der Druckknopf erfunden.
Konrad Duden veröffentlicht 1881 das erste Vollständige orthographische Wörterbuch der deutschen Sprache. Nach den neuen preußischen und bayerischen Regeln.
Ich mochte etwa sechs Jahre alt sein, als der Nachbar Leopold uns als große Neuigkeit von den roten Dingern brachte, die er in seinem Garten gepflanzt hatte. Das Geschenk versetzte die Mutter etwas in Verlegenheit, denn sie wusste nicht recht, wie es zubereiten. Als die rote Sauce auf den Tisch kam, fand sie so wenig Anklang, dass das meiste davon in den Abfalleimer kam. Erst Ende der achtziger Jahre bürgerte sich die Tomate im Elsass ein. Albert Schweitzer
In Elsaß-Lothringen führen die Reichseisenbahnen 1882 erstmals elektrische Beleuchtung in Eisenbahnwagen ein und einige Berliner Straßen erhalten elektrische Bogenlampen.
1883 wird erstmals die Zentrifugalkraft zum Buttern ausgenutzt: damit ist die Butterschleuder auf den Weg gebracht, eine Erleichterung bäuerlicher Arbeit.
Gottlieb Daimler bringt 1884 das erste Motorrad auf den Markt: ein zweirädriges Holzgestell mit Benzinmotor.
1886 wird der Bau von Schloss Neuschwanstein im Allgäu vollendet.
Helene Lange fordert 1887 eine Verbesserung der Ausbildung für Mädchen und Lehrerinnen. Sie gründet 1889 in Berlin die Realkurse für Frauen, um die Beschränkung der Bildung von Frauen von kulturellen Fächern auf Naturwissenschaften zu erweitern und gleichzeitig den Zugang zu mathematisch-naturwissenschaftlichen Universitätsstudien zu eröffnen.
In Mainz erfindet der Chemiker Glassner 1888 die Zink-Kohle-Batterie.
Otto Lilienthal unternimmt 1890 erste Flugversuche mit einem dem Vogel nachgebauten Segelflugapparat.
Im Großherzogtum Baden werden 1891 erstmals Frauen an der mathematisch-technischen Fakultät der Universität Heidelberg zugelassen.
Wilhelm Conrad Röntgen entdeckt 1895 die X-Strahlen (Röntgen-Strahlen).
In Athen finden 1896 die ersten Olympischen Spiele der Neuzeit statt.
Im gleichen Jahr beginnt in Berlin der Bau der Untergrundbahn.
1898 wird in Hannover die Deutsche Grammophon Gesellschaft gegründet, ein Unternehmen zur Produktion und zum Vertrieb von Schallplatten.
1900 ergibt eine Volkszählung, dass im Deutschen Reich 56 345 014 Einwohnerleben.

ZEITGENOSSEN VON ALBERT SCHWEITZER. EIN EPILOG
Vorwort
Geschichtlicher Rahmen
Zeitgenossen
Lebensdaten
Frühestens gegen Endes seines Lebens weiß ein Mensch, ob er Berühmtheit erlangt hat oder nicht. Manch einer erfährt zwar Nachruhm, erfährt es aber zu Lebzeiten niemals.
Welche von Albert Schweitzers Zeitgenossen mit großem Namen sind ebenfalls über 80 Jahre alt geworden? Bei meinen Nachforschungen habe ich mehr gefunden als zunächst erwartet und die Auswahl deshalb willkürlich eingeschränkt. Diese Auswahl enthält Persönlichkeiten, deren Geburts- und Sterbedatum max. 5 Jahre von denen Albert Schweitzers abweicht. Außerdem habe ich nur solche Berühmtheiten ausgewählt, denen er begegnet sein könnte und vielleicht auch tatsächlich begegnet ist.
Unter den Politikern, gekrönten Häuptern wären da Königin Wilhelmina von den Niederlanden, Konrad Adenauer und Winston Churchill zu nennen. Bei Churchill differieren die Eckdaten sogar nur um wenige Wochen, und er bekam nur ein Jahr nach Albert Schweitzer den renommierten Nobelpreis. Eine große Rolle spielten zu Schweitzers Lebenszeit auch Naturwissenschaftler, namentlich Atomphysiker und Erfinder: Otto Hahn, ein weiterer Nobelpreisträger, und Lise Meitner. Erwähnenswert ist vielleicht auch der Schriftsteller Hermann Hesse, ebenfalls mit dem Nobelpreis gekürt. Unter den Theologen und Religionswissenschaftlern dürfte Martin Buber ein Begriff sein. Und Carl Gustav Jung darf hier in meinen Augen als spirituelle Größe nicht fehlen.
Einige Zeitgenossen mit davon abweichenden Daten sollten mindestens noch genannt sein. In Zusammenhang mit Ehrungen hat er auf jeden Fall Theodor Heuss und dem norwegischen König Haakon die Hand geschüttelt. Und bekannt ist die Freundschaft, die ihn mit Albert Einstein verband. Im Bereich Musik spielte sein väterlicher Freund Charles Marie Widor eine herausragende Rolle. Ihm zu Liebe verfasste er für Franzosen ein Buch über den damals in Frankreich völlig in Vergessenheit geratenen Bach. Jean-Paul Sartre hingegen, obgleich ein Neffe 2. Grades, erwähnt er in seinen Büchern mit keinem Wort.
"Wie der Baum Jahr für Jahr dieselbe Frucht jedes Mal neu bringt,
müssen auch alle wertvollen Ideen im Denken der Menschheit
von Generation zu Generation neu geboren werden.
Albert Schweitzer
VorwortGeschichtlicher Rahmen


Kurzfassung
ALBERT SCHWEITZER - LEBEN UND WERK
von Ursula Müller

Vorwort
Geschichtlicher Rahmen
Zeitgenossen
Lebensdaten
Vorwort
Über Albert Schweitzers Lebenslauf gibt es hinreichend gute Lektüre, so dass ich darauf verzichten werde, diese nochmals chronologisch oder nach Schwerpunkten geordnet zusammenzufassen. Stattdessen möchte ich hier einige Empfehlungen weitergeben. Allen voran seien die beiden autobiografischen Bücher genannt:
Aus meiner Kindheit und Jugendzeit deckt etwa den Zeitraum bis zum Abitur ab. Aus meinem Leben und Denken stammt von 1931 und endet durch diesen Umstand bedingt zu diesem Zeitpunkt, genauer 1929. Diese beiden Arbeiten sind chronologisch aufgebaut, lesen sich leicht - wie Schweitzer überhaupt bei seinen sämtlichen Büchern um Einfachheit der Sprache bemüht ist, ohne deswegen primitiv zu wirken. Weiterhin habe ich Zwischen Wasser und Urwald als geradezu kurzweiligen und doch sehr informativen Erlebnisbericht seines ersten Afrika-Aufenthalts empfunden.
Wer es lieber kürzer mag, sollte sich an eine Zusammenfassung von Schweitzers Selbstzeugnissen von Jacques Feschotte aus dem Jahr 1952 halten. Es ist in dem Buch Albert Schweitzer, Genie der Menschlichkeit enthalten. Darin befindet sich auch ein kurzer, eher literarischer Beitrag von Stefan Zweig über eine Begegnung mit ihm. Als interessante Alternative kann ich auch die Rowohlt-Monografie von Harald Steffahn empfehlen. Sie umfasst das ganze Leben Schweitzers, ist thematisch geordnet und enthält viele Fotos.
Eine Auflistung seiner BUCHTITEL UND SCHRIFTEN mag als Ausdruck dafür genügen, wie viel dieser Mann gearbeitet hat. Zum Teil sind die Bücher auch schon Beispiel seines Bedürfnisses, für andere tätig zu werden. Denn die beiden Bachausgaben hat Albert Schweitzer nur auf Bitten des Pariser Organisten Charles Marie Widor und eines Verlegers geschrieben. Und die Bücher über die Leben-Jesu-Forschung sind entstanden, weil er bei seinen Studenten an der Straßburger Universität entsprechenden Bedarf ausmachte. Ablesen lässt sich an seinem Schrifttum ebenfalls, welch große Rolle Wort und Sprache(n) für ihn spielten. Daneben gibt es sowohl von Freunden veröffentlicht als auch aus dem Nachlass eine schier endlose Menge von Briefen. Etliche seiner Vorträge wurden ebenfalls als Buch herausgegeben, u.a. aus den letzten Lebensjahren Friede oder Atomkrieg.
Um so viele Buchstaben - in welcher Form auch immer - zu Papier zu bringen, muss ein Mensch neben den zahllosen weiteren Beschäftigungen erst einmal die Zeit finden, oder genauer: sich die Zeit nehmen. Albert Schweitzer war immer wieder dafür dankbar, über eine solch robuste Gesundheit zu verfügen. Sie äußerte sich u. a. darin, dass er mit sehr wenig Schlaf auskam, - ein Umstand, der ihm erst dieses Arbeitspensum erlaubte.
1898 in französisch verfasste Gedenkschrift zum frühen Tod seines ehem. Musiklehrers, der ihn an Bach heranführte, dem Organisten Eugen Münch
1898/99 Kant-Dissertation
1901 Habilitation über Das Messianitäts- und Leidensgeheimnis
1905 J.S. Bach, le musicien-poète (in frz. Sprache auf Anregung von Charles MarieWidor geschrieben)
1906 Deutsche und französische Orgelbaukunst
1906 Von Reimarus zu Wrede (die Geschichte der Leben-Jesu-Forschung, v. a. für Studenten gedacht)
1908 J.S. Bach (auf deutsch völlig neu geschriebenes und noch umfangreicheres Werk als das französische)
1909 Internationales Regulativ für Orgelbau (mit F.X. Mathias)
1911/12 Geschichte der Paulinischen Forschung
1913 Dissertation über Die psychiatrische Beurteilung Jesu
1913 Abschluss der erweiterten Leben-Jesu-Forschung
1915 Ehrfurcht vor dem Leben und Arbeit an der Kulturphilosophie
1920 Zwischen Wasser und Urwald (spannendes Buch über den 1. Afrika-Aufenthalt)
1923 Verfall und Wiederaufbau der Kultur
1923 Kultur und Ethik
1924 Aus meiner Kindheit und Jugendzeit
1930 Die Mystik des Apostels Paulus
1935 Die Weltanschauung der indischen Denker (Das Buch gibt einen ausgezeichneten Überblick und damit guten Einstieg in das Thema! Hauptlinien sind klar herausgearbeitet, ebenso Zusammenhänge und Unterschiede.)
1938 Afrikanische Geschichten
1950 Ein Pelikan erzählt aus seinem Leben
TITEL UND EHRUNGEN geben darüber hinaus eine Ahnung davon, welche Ausstrahlung dieser Mensch hatte. Der Umfang kann derart erschlagend wirken, dass man sich fragt: Wie kann das in einem einzigen Menschenleben möglich sein? Manch einer gäbe etwas darum, sich nur mit einem davon schmücken zu können.
1899 Doktor der Philosophie
1900 Lizentiat der Theologie (entspricht einem Doktor-Titel)
1913 Doktor der Medizin
1920 Ehrendoktor der theol. Fakultät in Zürich
1925 Ehrendoktor der Philosophischen Fakultät der dt. Universität zu Prag
1928 Goethe-Preis der Stadt Frankfurt für sein gesamtes literarisches Werk (das Geld erlaubt den Bau des Günsbacher Hauses im Elsass, seiner neuen Anlaufstation und "Verwaltungszentrale" in Europa nach dem Tod des Vaters)
1930 Ruf an die Universität Leipzig, theol. Fakultät (abgelehnt)
1932 Einladung zu einer Rede zum 100. Todestag Goethes in Frankfurt a.M.
1949 Einladung zu einer Rede in Aspen, Colorado zum 200. Geb. Goethes
1952 Friedenspreis des deutschen Buchhandels
1952 Prinz-Karl-Medaille, verliehen vom schwedischen König
1952 Ehrenmitgliedschaft der Académie des Sciences Morales et Politiques in Paris
1952 Paracelsus-Medaille (erste medizinische Ehrung)
1952? Ehrenbürgerrecht der Stadt Munster im Elsass
1953 Friedensnobelpreis rückwirkend für 1952 (nach Lambarene geschickt; 1954 durch König Haakon in Oslo übergeben; die Preissumme erlaubt ein Lepradorf in Lambarene "aus einem Guss")
1955 Orden Pour-le-Mérite (überreicht von Theodor Heuss)
1959 Sonning-Preis (in Kopenhagen entgegengenommen, das Geld wird in Lambarene investiert)
1960 Albert Schweitzers Porträt auf der ersten 200 Francs-Briefmarke der neu gegründeten Republik Gabun

Die Aufzählungen möchte ich noch durch zwei Stichwort-Pakete ergänzen. Das erste betrifft Charakterzüge, die mir ganz besonders auffielen und teilweise sehr imponierten:
die Fähigkeit, Interessenvielfalt mit Tiefgang zu kombinieren
die ausgeprägte Strukturiertheit
Entschlusskraft, die ihn auch größte Hindernisse überwinden lässt
der Reiz, Herausforderungen anzunehmen und die Disziplin, auch Dinge zu bewältigen, die ihm weniger liegen
ausgeprägte Einfachheit und Bescheidenheit in allen erdenklichen Lebensbereichen
Pflichtgefühl und Dankbarkeit
die Pflege persönlicher Beziehungen und ihre Bedeutung für Schweitzer
der Umgang mit Heimat, Nationalität und Zweisprachigkeit
tiefe Religiosität und große Empfindsamkeit
Wahrung seiner Mitte (trotz Vielseitigkeit keine Verzettelung)
Der letzte Block wirft ein Licht auf die vielen Aktivitäten und Interessen, mit denen er sich mindestens über lange Zeiträume immer wieder einmal beschäftigte und mit denen er früher oder später auch Geld verdiente, um sein Lebenswerk Lambarene zu finanzieren. Meistens handelt es sich um Verzahnungen, denn bei ihm lief vieles im Leben parallel oder griff nahtlos ineinander:
Theologie: Studien, Predigen (erst mit Anstellung in Straßburg, später in Lambarene) und Dozententätigkeit an der Universität Straßburg
Musik, Musik und nochmals Musik, insbes. Orgelspiel (von Kindheit an), Orgelbau und Leidenschaft für Bach
philosophische Studien und Entwurf der Lehre von der Ehrfurcht vor dem Leben
Schriftstellerei zu allen seinen Interessengebieten (Religion, Kultur, Philosophie, Musik, Orgelbau)
medizinische Studien, sein Wirken als Arzt
Bauherrentätigkeit (Lambarene war immer wieder zu klein)
Vorträge an vielen Universitäten Europas
Wie die Welle nicht für sich sein kann, sondern stetig an dem Wogen des Ozeans teilhat, also können wir unser Leben nie für uns allein erleben, sondern immer nur in dem Miterleben des Lebens, das um uns her statthat. Albert Schweitzer
In diesem Sinne werde ich im Folgenden den Versuch machen, Albert Schweitzers Lebenslauf in den Verlauf der Geschichte einbetten. Entscheidend ist dabei für mich die Frage, in welcher Zeit und durch welche Einflüsse Schweitzer in seinen jungen Jahren geprägt wurde.

Geschichtlicher Rahmen
GESCHICHTLICHER RAHMEN (zur Zeit um Albert Schweitzers Geburt)

Vorwort
Geschichtlicher Rahmen
Zeitgenossen
Lebensdaten
Das Elsass Da das Elsass, Albert Schweitzers Geburtsregion, in den deutsch-französischen Beziehungen ein ständiger Stein des Anstoßes gewesen ist, werde ich auf diesen Part etwas ausführlicher eingehen.
Das zunächst keltisch besiedelte, dann z.T. römisch besetzte Elsass erfuhr im 5. Jhd. eine germanische Überflutung. Die Stabilität der Sprachgrenze zur Romania lässt auf die Gleichwertigkeit der zwei Kulturkreise schließen. Die Straßburger Eide von 842 wurden in beiden Sprachen verfasst und sind Zeichen einer beginnenden nationalen Sonderung.
Im späten Mittelalter und im 16. Jhd. kamen die ersten intellektuellen Fehden über die Zugehörigkeit des Elsass zum deutschen oder zum französischen Bereich auf. In Straßburg wird das Eindringen der französischen Sprache durch das lutherische Stadtregiment stark gehemmt. Daran ändert auch die Eingliederung in den französischen Machtbereich nach 1648 nur wenig. Die alten Zollgrenzen und die wirtschaftlichen Beziehungen zum Reich bleiben bestehen. 1685 wird die Frage aufgeworfen, wie Sprachgebrauch und politischer Loyalismus zusammenhängen.
Im 18. Jhd. ist das Französische dann Vorbedingung für den höheren Staatsdienst und Integration in die höhere Gesellschaft. Im Reich wird abhängig von wechselnden Bündnissen die Zugehörigkeit des Elsass zu Frankreich mal hingenommen, mal in Frage gestellt. Erst unter der französischen Revolution wird es in den französischen Zoll- und Wirtschaftsraum integriert, was zum teilweisen Verlust der herkömmlichen Handelsbeziehungen führt. Auf den ersten begeisterten Elan der 'deutschsprachigen Franken' folgt die Ernüchterung. Das Regime fordert u.a. Aufgabe der deutschen Sprache.
Die jakobinische Idee der einheitlichen Sprachnation unter dem Motto 'eine Nation, eine Sprache' wurde in Deutschland umgemünzt in 'eine Sprache, eine Nation' und galt damit als Legitimation deutscher Ansprüche auf das Elsass. Gleichzeitig machte das Französische im Zuge wirtschaftlicher und politischer Integration langsame Fortschritte. Im deutsch-französischen Krieg ist 1870 mit der Zerstörung der Straßburger Bibliothek ein wesentlicher Teil des elsässischen Erbes untergegangen. Bei den Gesichtspunkten für die Nationbildung stießen Argumente der Rasse, Sprache und Zustimmung des Volkes aufeinander. Nach der französischen Niederlage erfolgte 1871 die Annexion an Deutschland.
Das Zeitalter Bismarcks
Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts brachte Deutschland entscheidende innen- und außenpolitische Veränderungen. Mit der rapide zunehmenden Industrialisierung war als neue gesellschaftliche Gruppe die Industriearbeiterschaft entstanden. Ihre soziale und materielle Lage war schlecht. Die Formierung ideologischer und politischer Interessenvertretungen sowie wachsende Spannungen kennzeichneten die Lage. Zugleich gewannen Liberalismus und ein wachsender deutscher Nationalismus an Bedeutung. Preußen war die führende Macht im Norddeutschen Bund, in dem der preußische Ministerpräsident Otto von Bismarck den maßgeblichen Einfluss ausübte.
Der preußische Erbprinz Leopold von Hohenzollern-Sigmaringen kandidierte 1870 um den seit 1866 verwaisten spanischen Thron, was für Frankreich eine diplomatische Schlappe bedeutet hätte. Bismarck, der einen Krieg wollte, agierte indes so geschickt, dass Kaiser Napoleon III. in der Folge Preußen den Krieg erklärte. Wider Erwarten schlossen sich die süddeutschen Staaten dem Norddeutschen Bund an. Nach einer Serie von Siegen, u.a. in der Schlacht von Sedan, hatte Frankreich nicht nur den Krieg, sondern auch seine Vormachtstellung in Europa verloren. Und Bismarck nutzte seinerseits die nationale Begeisterung für die Bildung der deutschen Einheit.
Dabei wurde auch Elsass-Lothringen vom deutschen Reich vereinnahmt, denn laut Reichskanzler Bismarck, den man dazu erst überreden musste, blieb offiziell "nichts anderes übrig, als diese Landstriche mit ihren starken Festungen vollständig in deutsche Gewalt zu bringen, ... um sie gegen Frankreich zu verteidigen und um den Ausgangspunkt etwaiger französischer Angriffe um eine Anzahl von Tagesmärschen weiter zurück zu legen...." Bismarck. Damals bewegte man sich ja vornehmlich zu Fuß und zu Pferde fort. Ursprünglich stand der Einverleibung Elsass/ Lothringens "die Abneigung der Einwohner selbst ... entgegen. Es ist nicht meine Aufgabe, hier die Gründe zu untersuchen, die es möglich machten, dass eine urdeutsche Bevölkerung einem Lande mit fremder Sprache und mit nicht immer wohlwollender und schonender Regierung in diesem Maße anhänglich werden konnte." Am 9. Juni 1871 wurde die Doppelprovinz staatsrechtlich 'mit dem Deutschen Reiche für immer vereint'.
König Wilhelm I. wurde als gemeinsames Staatsoberhaupt auch von den süddeutschen Staaten anerkannt, und er ließ sich zum Deutschen Kaiser ausrufen. Das Zweite Deutsche Reich war gegründet. Es bekam eine bundesstaatliche Verfassung mit dem erbrechtlichen Kaiser an der Spitze, der den Reichskanzler berief. Dessen Stellung beruhte demnach auf Vertrauen mit dem Monarchen, und es bestand keinerlei Verantwortlichkeit gegenüber dem von den Bürgern - freilich nicht von allen - gewählten Parlament. Eine demokratische Entwicklung im Reich war so aus verschiedenen Gründen stark gehemmt.
Aufgrund der geografischen Mittellage Deutschlands knüpfte Bismarck ein ausgedehntes Netz von Bündnissen und Abkommen, um ein Gleichgewicht der europäischen Mächte zu erhalten. Innenpolitisch hatte Otto Graf von Bismarck mit neuen Problemen zu kämpfen, welche die Industrialisierung verursachte. Die Bevölkerung in den Städten wuchs rasch an, Mietskasernen kamen auf, der wirtschaftliche Aufschwung ging an den Arbeits- und Lebensverhältnissen der Massen, auch der Industriearbeiter, vorbei.
Zwei Attentatsversuche auf den Kaiser nahm Bismarck 1878 zum Anlass, ein Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie zu realisieren. Eine zunehmende Entfremdung der Arbeiterschaft von dem deutschen Obrigkeitsstaat setzte ein. Das konnte auch die folgende große Sozialreform der 1880er Jahre mit Einführung der Kranken-, Unfall- und Rentenversicherung nicht aufhalten. Nach dem Tod von Wilhelm I. führten Differenzen mit dessen Enkel Wilhelm II. 1890 zur Entlassung Bismarcks. Das komplexe außenpolitische Bündnissystem des ersten deutschen Kanzlers brach unter dem an später Kolonialpolitik und einem bedeutenden Deutschland (Platz an der Sonne) interessierten neuen Kaiser zusammen. Die Sozialistengesetze wurden - weil sie die Entwicklung der Arbeiterbewegung nicht gehemmt, sondern eher gefördert hatten - zurückgenommen.
Als Albert Schweitzer in Kaysersberg im Elsass geboren wurde, war der deutsch-französische Krieg von 1870/71 gerade einmal 3 ½ Jahre vorbei. Als dessen Folge kam Albert Schweitzer als Deutscher und nicht mehr als Franzose zur Welt. In seinen Büchern bezeichnete er sich und andere Menschen aus der Gegend durchgängig als Elsässer, ohne dass ich je den Eindruck hatte, er wolle mit dieser Bezeichnung einem Lokalpatriotismus frönen. (Immerhin sollte das staatsrechtlich formulierte Für-Immer auch in diesem Fall nur ein knappes halbes Jahrhundert andauern.)
Persönlich scheint Albert Schweitzer von dem nationalen Hin und Her eher profitiert zu haben, denn er wurde ein Wanderer zwischen den Welten, erst zwischen Frankreich und Deutschland; später als Deutscher auf französischem Kolonialgebiet. Und überhaupt pflegte er viele ausländische Beziehungen. Nationalitätenstreit hielt er allgemein für ein zu überwindendes Hemmnis. Seine Familie wurde durch die verschobene Grenze plötzlich in zwei Nationalitäten getrennt. Eine wichtige Rolle spielten die beiden Brüder seines Vaters. Den einen hatte es vor dem Krieg als Dozenten an die Sorbonne, den anderen als Kaufmann im Peru-Handel nach Paris verschlagen. Dorthin fuhr er mindestens einmal im Jahr, später vor allem auch, um sich mit dem Organisten Charles Marie Widor zu treffen.
In der Familie Schweitzer ging man ganz selbstverständlich zweisprachig miteinander um. Dennoch bemerkt Albert Schweitzer, dass er zuerst deutschsprachig sei. So beobachtet er beispielsweise, dass er auf deutsch und nicht auf französisch träume. Und da er vor allem den elsässischen Dialekt gewöhnt war, der deutschen Ursprungs ist, sieht er hierin den wichtigsten Grund für die Vorrangigkeit der deutschen Sprache. Auch die meisten seiner Bücher hat er auf deutsch verfasst, sich aber grundsätzlich an der Zielgruppe orientiert.
Als Kind beeindruckte ihn die historische Situation naturgemäß nicht im Mindesten, sondern er war mächtig stolz darauf, in einem guten Weinjahr geboren zu sein und in einer Stadt, Kaysersberg, wo der für manchen seiner mittelalterlichen Zeitgenossen unbequeme Prediger Geiler von Kaysersberg aufgewachsen war.
Der rechte Glaube
Als das Elsass durch Ludwig XIV. französisch wurde, bestimmte dieser, um die Protestanten zu demütigen, dass in den protestantischen Dörfern, in denen zum mindesten sieben katholische Familien wohnten, den Katholiken der Chor eingeräumt werden müsste. Allsonntäglich sollte ihnen die Kirche zu bestimmten Stunden für ihren Gottesdienst zur Verfügung stehen. So kommt es, dass manche Gemeinden sich entschlossen, den Katholiken eine besondere Kirche zu erbauen. Zu Günsbach aber und anderswo ist die protestantisch-katholische Kirche bis auf den heutigen Tag bestehen geblieben.
Der katholische Chor, in den ich hineinschaute, war für mich der Inbegriff der Herrlichkeit... und durch die Chorfenster hindurch schaute man auf Bäume, Dächer, Wolken und Himmel hinaus, auf Welt, die den Chor der Kirche in die unendlich Ferne fortsetzt ... So wanderte mein Blick aus der Endlichkeit in die Unendlichkeit. Stille und Friede überkam meine Seele.
Mit diesen Jugenderinnerungen hängt es zusammen, dass ich den Bemühungen um einen protestantischen Kirchentypus kein Verständnis entgegenbringen konnte. Wenn ich Kirchen sehe, in denen moderne Architekten das Ideal der "Predigtkirche" verwirklichen wollen, wird mir weh ums Herz. Eine Kirche ist viel mehr als ein Raum, in dem man eine Predigt anhört. Sie ist ein Ort der Andacht. Das kann sie aber nicht, wenn der Blick ringsum auf Mauern aufprallt. Das Auge bedarf stimmungsvoller Ferne, in der das äußerliche Schauen sich zum innerlichen wandelt. Der Chor ist also nicht etwas Katholisches, sondern er gehört zum Wesen der Kirche überhaupt. ...
Noch eins habe ich aus der zugleich protestantischen und katholischen Kirche mit ins Leben hinausgenommen: religiöse Versöhnlichkeit. Die aus einer Herrscherlaune Ludwigs XIV. entstandene protestantisch-katholische Kirche ist mir mehr als eine merkwürdig geschichtliche Erscheinung. Sie gilt mir als Symbol dafür, dass die konfessionellen Unterschiede etwas sind, das bestimmt ist, einmal zu verschwinden. Als Kind schon empfand ich es als etwas Schönes, dass in unserem Dorfe Katholiken und Protestanten in derselben Kirche Gottesdienst feierten. ...
Freilich, wenn gerade zwei etwas hitzköpfige Seelenhirten sich in das Gotteshaus zu teilen haben, kann es geschehen, dass dieses Gemeinsame nicht zur Eintracht erzieht... So kam es im 18. Jhd. in einem Dorfe des Unterelsass einmal vor, dass an einem Pfingstmontag der protestantische Pfarrer seine Predigt hielt, während der katholische die Messe las. Albert Schweitzer
1870, im Jahr vor Schweitzers Geburt, erhob die katholische Kirche die Unfehlbarkeit des Papstes (ex cathedra) zum Dogma.
Kulturkampf / Staat und Kirche
Auf Betreiben von Reichskanzler Bismarck soll im ganzen Reich, auch im Elsass, das Verhältnis von Kirche und Staat neu geregelt, d.h. der gerade gegründete deutsche Nationalstaat dem geistlichen Einfluss entzogen werden. In diesem Zuge wird in Preußen die Zivilehe eingeführt und die Beurkundung des Personenstandes den Standesämtern übertragen. Außerdem wird das gesamte Schulwesen dem Staat unterstellt.
Kirche und Christen verstehen sich vielfach mehr als früher als tätige Helfer von benachteiligten Menschen. (Seit 1848 gab es im Reich einen Zentralausschuss für die Innere Mission als Ergänzung zur Missionstätigkeit in den Kolonien.) Der evangelische Pfarrer Friedrich von Bodelschwingh übernimmt 1872 die Leitung der noch recht neuen Heil- und Pflegeanstalt für Epileptische in Bethel. Er führt in diesem Heim die Arbeitstherapie ein: Auch der Schwächste bekommt eine Aufgabe, die seinen Fähigkeiten angemessen ist. Während der Wirtschaftskrise nach 1870/71 bitten auch immer mehr Arbeitslose um Aufnahme in die Anstalt. Bodelschwingh gibt Arbeit statt Almosen.
Albert Schweitzer konnte Lambarene nur aufbauen und unterhalten, indem er u.a. die Angehörigen der Kranken oder diese, nachdem sie genesen waren, dazu anhielt, vor Ort mitzuarbeiten. Das war äußerst schwierig, denn nichts lief nach der europäisch anerzogenen Arbeitsmoral... Hat einer der Schwarzen bei mir im Spital gearbeitet, gilt er als "ausgebildet". Er wird leicht Arbeit finden, denn die Leute sagen: "Ja, wenn er´s bei dem ausgehalten hat..." Albert Schweitzer
Soziale Frage In der 2. Hälfte des 19. Jhd. gab es in einer Familie durchschnittlich 5 ½ Geburten. Von diesen Kindern erreichten nur zwei das heiratsfähige Alter.
Albert Schweitzer, aus einem als wohlhabend geltenden Pfarrershaus, war das zweite von fünf Kindern, und die Familie hatte streckenweise große Geldnöte. Bis zu seinem zweiten Lebensjahr muss er so schwächlich gewesen sein, dass "keine der zur Feier gekommenen Pfarrfrauen der Umgebung wagte der Mutter ein Kompliment über das magere Kindchen mit dem gelben Gesichtchen zu machen. Alle ergingen sich in verlegenen Redensarten. Da konnte sich meine Mutter ... nicht mehr beherrschen. Sie ... weinte heiße Tränen über mir. Einmal hielt man mich gar für tot." Albert Schweitzer
Der Besuch des Mülhausener Gymnasiums war nur möglich, weil sich sein Pate mit seiner Frau bereit erklärte, den Jungen in dieser Zeit bei sich aufzunehmen und für ihn zu sorgen.
In den 1860er Jahren bildeten sich verschiedene Arbeitervereine. August Bebel, Wilhelm Liebknecht sind Vertreter solcher Bewegungen. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit! und Einigkeit macht stark! waren damals Wahlsprüche auf sozialdemokratischen Bannern.
Erst 1878 wird die Kinderarbeit in Fabriken verboten, in Landwirtschaft und Heimarbeit bleibt sie erlaubt. Für Kinder unter 14 Jahren wird die tägliche Arbeitszeit auf sechs Stunden begrenzt, für Jugendliche bis 16 Jahren auf zehn Stunden. Kinder unter 12 Jahren dürfen erst nach Ableistung der sechsjährigen Schulpflicht erwerbstätig werden.
Zahlreiche öffentliche und private Sozialhilfeträger schließen sich 1880 in Berlin zum Deutschen Verein für Armenpflege und Wohltätigkeit zusammen. Ziel ist die Vereinheitlichung der Fürsorge im Reichsgebiet. Der Zusammenschluss ist notwendig geworden, weil die Zuständigkeit für die Armenpflege nicht mehr klar war.
Im gleichen Jahr werden in Berlin rund 60 000 Schlafgänger registriert. In der Regel sind das unverheiratete Fabrikarbeiter und Handwerksgesellen. Durch Vermietung von Schlafstellen an diese bessern Familien ihr oft schmales Einkommen auf, deren Wohnungen dadurch zumeist überfüllt sind. An Sonn- und Feiertagen müssen sich Schlafgänger weitgehend außer Haus aufhalten. Sie dürfen auch möglichst nicht krank werden, denn ihre Betten werden zu anderer Tageszeit dringend von anderen Personen gebraucht.
Die emanzipatorische Untersuchung Die Frau und der Sozialismus von August Bebel erscheint (wegen des Sozialistengesetzes illegal) in Leipzig. Gleich nach Erscheinen findet das Buch weite Verbreitung.
Albert Schweitzer kommt es entsprechend dem Zeitgeist nicht in den Sinn, in seinen Büchern seine Ehefrau Helene Breßlau viel zu erwähnen, obgleich er von dieser sehr große Unterstützung erfuhr. Erst sehr spät spricht er zum ersten Mal von ihr und betont, wie dankbar er ihr für all die Opfer ist, welche sie auf sich genommen hat. Auch sie hat im Hinblick auf das gemeinsame Projekt Lambarene noch einen weiteren Beruf erlernt und wurde Krankenschwester. Da sie anders als ihr Mann das Klima in Äquatorialafrika überhaupt nicht vertrug, war sie einverstanden, immer wieder über sehr lange Zeiträume von ihm getrennt zu leben. Diese erheblichen Trennungsphasen in Kauf zu nehmen, - so mein Eindruck - dankte er ihr am meisten.
Kolonialpolitik Die Welt besteht in Schweitzers Jugend aus einer ersten und einer dritten Welt. Die erste stellen die europäischen Nationalstaaten und die USA dar, in denen die Industrialisierung fortgeschritten ist, in denen Schulpflicht herrscht und sich allmählich bürgerliche Verhältnisse durchzusetzen beginnen. Die dritte Welt - bestehend eigentlich aus den selben Ländern wie heute - ist weitgehend und oft nach militärischen Aktionen von der ersten kolonialisiert.
Die größte Weltmacht stellt dabei das britische Empire dar, aber auch alle anderen Staaten haben Kolonien. Von dort beziehen sie die für die Industrialisierung erforderlichen Rohstoffe, aber auch - wie schon seit hunderten von Jahren - Gewürze, exotische Nahrungs- und Genussmittel und sonstige interessante Waren. In den Kolonien herrscht vielfach Sklaverei. Die staatliche Verfassung besteht meist in unmittelbarer Machtausübung durch die Kolonialherren, teilweise gibt es mehr oder weniger bedeutsame Teilhabe an der Macht durch Eingeborene (wie die der indischen Maharadschas unter den britischen Vizekönigen).
Frankreich hatte später und weniger umfangreich als England seine Kolonialpolitik entwickelt und namentlich in Afrika große Einflussgebiete unter seine Kontrolle gebracht. Die nördliche Kongoprovinz Gabun mit Lambarene ist Teil davon. Deutschland wurde als letztes Land Kolonialmacht und gelangte diesbezüglich international nicht mehr zu einer bedeutenden Rolle.
Natürlich spielt auch die Kirche als Träger der Äußeren Mission in den Kolonien eine oft zwiespältige Rolle. Missionar sein wollte Schweitzer nicht, aber er hat in Lambarene viel mit ihnen zu tun, hält sogar nach einigen Monaten auf deren Bitten hin Predigten.
"Die britische Flagge deckte im Jahre 1912 einen Flächenraum von 11.516.821 englischen Quadratmeilen ... Das stellt annähernd ¼ der festen Erde dar und ist weitaus das gewaltigste Herrschaftsgebiet, welches es jemals in der Geschichte der menschlichen Rasse gegeben hat. Das britische Reich hatte 1911 434.286.650, das ... deutsche (mit all seinen Kolonien) nicht ganz 80 Millionen Einwohner. ... Das ,größere Britannien' bedarf keines fremden Staates, um alles auf den Markt zu liefern, was das Menschenherz begehrt. Die arktische Welt Labradors liefert Fischbein, Zentralafrika Elfenbein. Kanada bringt Weizen, Hölzer und Biberfelle, Australien Fleisch, Wolle, Getreide und Weine. Südafrika versorgt die Welt mit Gold und Edelsteinen, Straußenfedern und Angoragarn, dazu ebenfalls mit Wolle und Weinen. Indien produziert Reis und Baumwolle, Jute und Indigo, Weizen und Gewürze; Zeylon Kaffee, Tee, Kakao und Vanille, Westindien Tabak und Zucker, Rum und Kaffee; der Indische Ozean schenkt wertvolle Perlen; aus Westafrika kommen Gummiarten und Gold, Orseille und Pflanzenöle, aus Samaliland Felle und Straußenfedern; aus Ägypten Baumwolle und Weizen." (Carl Peters, England und die Engländer, Hamburg 1917)
Albert Schweitzer hat sich schon als Schüler sehr für Geschichte und Tagespolitik interessiert. Seine Haltung zur Kolonisation dokumentiert er so: Wir hätten zwar kein Recht "primitiven und halbprimitiven Völkern ... unsere Herrschaft aufzudrängen... Nun ist aber der Welthandel ... eine Tatsache, gegen die weder sie noch wir etwas vermögen. Durch den Welthandel sind sie Unfreie geworden. ... Auf Grund der durch den Welthandel geschaffenen Lage kann es sich bei diesen Völkern also nicht um eine wirkliche Selbständigkeit handeln, sondern nur darum, ob es für sie besser ist, der Habgier eingeborener Machthaber ... ausgeliefert zu sein, oder von Beamten europäischer Staaten regiert zu werden.
Dass ... viele (der europäischen Beamten) es an Ungerechtigkeit, Gewalttätigkeit und Grausamkeit den eingeborenen Häuptlingen gleich taten und damit eine große Schuld auf uns geladen haben, ist nur zu wahr." Interessanterweise sieht er sich selbst als Erbe von Kolonialmächten in der Schuld. Weiter schreibt er: "Was die so genannte Selbstverwaltung für primitive und halbprimitive Völker bedeutet, ist daraus zu entnehmen, dass in der Negerrepublik Liberia die Haussklaverei und die noch weit schlimmere zwangsweise Verschiffung von Arbeitern ins Ausland bis in unsere Tage bestanden. Am 1. Oktober 1930 wurden sie, auf dem Papiere, aufgehoben."
"Der wahre Reichtum dieser Völker würde darin bestehen, dass sie dahin kämen, möglichst alles, was sie zum Leben notwendig haben, durch Ackerbau und Gewerbe selber hervorzubringen. Statt dessen sind sie einseitig darauf bedacht, das, was der Welthandel braucht und gut bezahlt, zu liefern. ... In Zeiten, wo der Holzhandel gut geht, herrscht ständig Hungersnot im Ogowegebiet (Flussdelta, in dem Lambarene liegt), weil die Eingeborenen das Anlegen von Pflanzungen unterlassen... Steigender Export beweist nicht immer, dass eine Kolonie vorwärts kommt, sondern kann auch besagen, dass sie auf dem Wege ist, zugrunde zu gehen."
In Bezug auf die Erziehung der Eingeborenen ist für Schweitzer völlig klar: "Ackerbau und Handwerk sind das Fundament der Kultur. Nur wo es vorhanden ist, sind die Voraussetzungen für die Bildung und das Bestehen einer kaufmännisch und intellektuell beschäftigten Bevölkerungsschicht gegeben. Mit den Eingeborenen der Kolonien aber - und sie selber verlangen es so! - verfährt man, als ob ... Lesen und Schreiben der Anfang der Kultur seien. ... Für ihre Kultur ist es wichtiger, dass die Eingeborenen lernen Ziegel brennen, mauern, Stämme zu Brettern zersägen, mit Hammer, Hobel und Meißel umgehen, als dass sie in Lesen und Schreiben glänzen und gar mit a+b und x+y rechnen können.
Zuletzt ist alles, was wir den Völkern der Kolonien Gutes erweisen, nicht Wohltat, sondern Sühne für das viele Leid, das wir Weißen ... über sie gebracht haben."
Fortbewegung / Verkehr und Erfindungen
Da seit jeher das Pferd die Zugkraft für Fuhrwerke gewesen war, werden die Tiere auch benutzt, nachdem in den Städten Geleise verlegt worden sind. Die ersten Pferde an Schienenwagen wurden in Bergwerken eingesetzt, doch auch der Schienen-Überlandverkehr, z.B. die 127 km zwischen Budweis und Linz, wird mit Zweispännern überbrückt. Schienen haben den Vorteil, dass die Last leichter fortzubewegen ist und man mit weniger Pferden auskommt als bei herkömmlichen Fuhrwerken. Dies ist die Verkehrssituation um Albert Schweitzers Geburt herum.
Namhafte Eisenbahnstrecken für Dampfloks hat es in Deutschland und Frankreich seit Mitte des Jahrhunderts gegeben. Um 1870 erreichten sie Ausdehnungen von ca. 20.000 km. Das entspricht jeweils etwa 1/3 der Netzlänge von 1910. Werner von Siemens revolutionierte 1879 das Eisenbahnwesen durch die erste brauchbare elektrische Lokomotive.
Keine 10 Jahre vor Albert Schweitzers Geburt wird der erste wirtschaftlich arbeitende Explosionsmotor (Otto-Motor) gebaut. Allgemeingut sind solche Errungenschaften deshalb noch lange nicht.
Vor 1877 wurden Schiffe in Deutschland ausschließlich in handwerklichen Betrieben aus Holz gebaut. Große eiserne Schiffe kauften die Reeder in Großbritannien. 1877 wird in Hamburg der Grundstein der ersten deutschen Werft Blohm & Voss gelegt. Die Förderung von Schiffbau und Kriegsflotte unter Wilhelm II. sind als Herausforderung des britischen Weltreichs eine der späteren Ursachen für den 1. Weltkrieg.
Albert Schweitzer nutzte gern und oft die modernen Verkehrsmittel. Beim Orgelbau hingegen wurde er sehr massiv tätig, um alte, mechanische Orgeln vor Modernisierungen und den daraus resultierenden klanglichen Veränderungen zu bewahren. Freunde sagten ihm nach, in Afrika rette er alte Neger und in Europa alte Orgeln.
In der Dorfschule erlebte ich das Aufkommen des Fahrrades. Mehrmals schon hatten wir gehört, wie die Fuhrleute sich gegen Menschen ereiferten, die auf hohen Rädern einher rasten und die Pferde erschreckten. Eines Morgens aber, während wir in der Pause auf dem Schulhof spielten, wurde bekannt, dass im Wirtshaus an der Straße drüben ein 'Geschwindläufer' eingekehrt sei. Die Schule und alles vergessend, rannten wir hin und bestaunten das hohe Rad, das draußen stand. Auch viele Erwachsene fanden sich ein und warteten mit uns, dass der Fahrer mit seinem Schöppele Wein fertig wäre. Endlich trat er heraus. Da lachte alles, dass ein erwachsener Mann kurze Hosen trug. Und schon saß er auf seinem Rad und fuhr auf und davon.
Im vorletzten Jahr auf dem Gymnasium kam ich selber in den schon lange heißersehnten Besitz eines Rades. ... Es war ein schon gebrauchtes Rad und kostete zweihundertunddreißig Mark. Damals galt es aber noch für unziemlich, dass Pfarrerssöhne Rad fuhren. Zum Glück setzte mein Vater sich über diese Vorurteile hinweg. An Stimmen, die das 'hochmütige' Unternehmen seines Sohnes tadelten, hat es nicht gefehlt.
Die Jugend von heutzutage kann sich nicht mehr vorstellen, was das Aufkommen des Rades für uns bedeutete. Eine bisher ungeahnte Möglichkeit, in die Natur hinauszukommen, wurde uns aufgetan. Ich habe sie reichlich und mit Wonne ausgenützt. Albert Schweitzer
Ganz zufällig beobachtete Albert Schweitzer wie am 3. Mai 1910 ein Flieger ... als erster Straßburg überflog...
Medizin
Die Chirurgie hat in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts Fortschritte gemacht, nachdem Äther und Chloroform als Betäubungsmittel entdeckt und nutzbar gemacht worden sind. Eine Rolle für erfolgreiche Operationen spielen die neuen Mittel zur Keimabtötung. Auch sonst gab es im Bereich Medizin viel Neues, das für uns heute selbstverständlich ist: Die Mikroskopie wird enorm vorangetrieben, dadurch verschiedene Krankheiten und Krankheitserreger erforscht, z.B. Cholera, Typhus. Und Schlag auf Schlag wird Neues entdeckt, 1882 beispielsweise der TBC-Erreger (damals Schwindsucht genannt).
In Paris gab es eines der ersten Institute für Tropenmedizin. Im Zuge der Vorbereitungen für Lambarene kaufte A. Schweitzer 1912 nicht nur Behandlungsmaterial für 1 Jahr ein (von den 70 aufgegebenen Kisten waren persönliche Dinge mit Sicherheit das Wenigste), er studierte dort zusätzlich noch einige Monate Tropenmedizin.
Und noch eine soziale Tatsache in medizinischem Rahmen: 1877 lässt sich Franziska Tiburtius als erste Ärztin in Berlin nieder. Sie hat in Zürich studiert, weil Frauen in Deutschland erst ab 1901 zum Medizinstudium zugelassen sind. Albert Schweitzers spätere Ehefrau Helene Bresslau, die schon lange im Vorfeld das Afrika-Projekt mittrug, begnügte sich in diesem Zusammenhang mit der für Frauen damals üblichen Ausbildung zur Krankenschwester, obgleich sie in Lambarene praktisch u.a. Funktionen innehatte, die man heute Anästhesisten vorbehalten würde.
Schulwesen und Unterricht
1872 wird als eine der ersten Maßnahmen im Kulturkampf zwischen Staat und Kirche in Preußen ein Gesetz erlassen, das alle kommunalen und privaten Schulen unter staatliche Aufsicht stellt.
Der naturwissenschaftliche Unterricht hatte für mich etwas eigentümlich Aufregendes. Ich wurde das Empfinden nicht los, dass man uns nicht genug sagte, wie wenig man von dem, was in der Natur vorgeht, auch wirklich versteht... Ihre zuversichtlichen auf das Auswendiglernen zugeschnittenen Erklärungen ... befriedigten mich in keiner Weise. ... Ein besonderes Rätsel war mir immer die Bildung des Regentropfens, der Schneeflocke und des Hagelkorns. Es verletzte mich, dass man das absolut Geheimnisvolle der Natur nicht anerkannte und zuversichtlich von Erklärung sprach, wo man es in Wirklichkeit nur zu.. Beschreibungen gebracht hatte... Schon damals wurde mir klar, dass uns das, was wir als Kraft und als 'Leben' bezeichnen, seinem eigentlichen Wesen nach immer unerklärlich bleibt.
So gingen die Liebe für die Geschichte und die für die Naturwissenschaften bei mir Hand in Hand. Nach und nach erkannte ich, dass auch das geschichtliche Geschehen voller Rätsel ist, und dass wir es für immer aufgeben müssen, die Vergangenheit wirklich zu verstehen. Auch hier ist uns nur ein mehr oder weniger eindringendes Beschreiben beschieden.
Unausstehlich waren mir vom ersten bis zum letzten Schuljahr die Stunden, in denen Gedichte 'durchgenommen' wurden. Dass mir ein Gedicht nahe gebracht werden sollte, indem man es erklärte, empfand ich als etwas Hässliches und Unsinniges. Mit dem, was man dazuredete, zerstörte man mir ja nur die Ergriffenheit, in die mich das Werk des Dichters versetzt hatte. An einem Gedicht, so meine ich auch heute noch, ist nichts zu erklären. Man muss es erleben." Albert Schweitzer
Kunst
1876 finden die ersten Bayreuther Festspiele statt. Sie erregen beim Publikum, darunter auch Wilhelm I. und Komponisten wie Peter Tschaikowski große Aufmerksamkeit. Wagner plante ein eigenes Theater, das durch finanzielle Unterstützung von Ludwig II. von Bayern später vollendet werden konnte.
Mit der Verehrung Bachs ging bei mir die Richard Wagner zusammen. Als ich mit sechzehn Jahren als Gymnasiast zu Mülhausen zum ersten Mal ins Theater durfte, war es, um Richard Wagners Tannhäuser zu hören. Diese Musik überwältigte mich so, dass es Tage dauerte, bis ich wieder fähig war, dem Unterricht in der Schule Aufmerksamkeit entgegenzubringen.
Ein großes Erlebnis war es für mich , dass ich im Jahre 1896 in Bayreuth der denkwürdigen ersten Wiederaufführung der Tetralogie nach der Uraufführung von 1876 beiwohnen konnte. Pariser Freunde hatten mir die Karten geschenkt. Um die Kosten der Reise bestreiten zu können, musste ich mich mit einer Mahlzeit am Tage begnügen. Albert Schweitzer
(Wem ist Kunst heutzutage noch solche Opfer wert? Oder ist die Kunst so mittelmäßig oder unbedeutend geworden, dass sie solcher Opfer nicht mehr wert scheint?)
Richard Wagners zweite Ehefrau, die Franz-Liszt-Tochter Cosima, lernte er kennen und hielt bis zu deren Tod Kontakt zu ihr.
Zur Malerei fiel mir ein Zweifaches auf: In Geschichtsbüchern spielt diese noch zu Albert Schweitzers Geburt eine große Rolle, während gleichzeitig die Fotografie immer stärker in den Vordergrund tritt. Viele Porträts und Industriebilder wie Das Eisenwalzwerk von Adolph von Menzel, Stimmungsbilder des Alltagslebens, aber auch aufwändige Karikaturen entstanden damals. Schweitzer ließ sich zwar als alter Mann porträtieren, hat sich aber davon abgesehen nicht nennenswert für bildende Kunst interessiert. Allenfalls fühlte er sich als Betrachter von Plastiken angesprochen.
Damals noch kein Alltag
Deutschland übernimmt das einheitliche metrische Maßsystem in den Jahren 1870 bis 1872.
Ab 1874 werden reihenweise deutsche Fußballvereine gegründet, der Beginn eines regen deutschen Vereinslebens.
Karl Linde erfindet in Schweitzers Geburtsjahr 1875 den Kühlschrank.
1876 wird das erste brauchbare Telefon gebaut.
In diesem Jahr beginnt auch die Serienherstellung der Gartenzwerge. Sie werden prompt im In- und Ausland zum Verkaufsschlager.
1880 wird der Druckknopf erfunden.
Konrad Duden veröffentlicht 1881 das erste Vollständige orthographische Wörterbuch der deutschen Sprache. Nach den neuen preußischen und bayerischen Regeln.
Ich mochte etwa sechs Jahre alt sein, als der Nachbar Leopold uns als große Neuigkeit von den roten Dingern brachte, die er in seinem Garten gepflanzt hatte. Das Geschenk versetzte die Mutter etwas in Verlegenheit, denn sie wusste nicht recht, wie es zubereiten. Als die rote Sauce auf den Tisch kam, fand sie so wenig Anklang, dass das meiste davon in den Abfalleimer kam. Erst Ende der achtziger Jahre bürgerte sich die Tomate im Elsass ein. Albert Schweitzer
In Elsaß-Lothringen führen die Reichseisenbahnen 1882 erstmals elektrische Beleuchtung in Eisenbahnwagen ein und einige Berliner Straßen erhalten elektrische Bogenlampen.
1883 wird erstmals die Zentrifugalkraft zum Buttern ausgenutzt: damit ist die Butterschleuder auf den Weg gebracht, eine Erleichterung bäuerlicher Arbeit.
Gottlieb Daimler bringt 1884 das erste Motorrad auf den Markt: ein zweirädriges Holzgestell mit Benzinmotor.
1886 wird der Bau von Schloss Neuschwanstein im Allgäu vollendet.
Helene Lange fordert 1887 eine Verbesserung der Ausbildung für Mädchen und Lehrerinnen. Sie gründet 1889 in Berlin die Realkurse für Frauen, um die Beschränkung der Bildung von Frauen von kulturellen Fächern auf Naturwissenschaften zu erweitern und gleichzeitig den Zugang zu mathematisch-naturwissenschaftlichen Universitätsstudien zu eröffnen.
In Mainz erfindet der Chemiker Glassner 1888 die Zink-Kohle-Batterie.
Otto Lilienthal unternimmt 1890 erste Flugversuche mit einem dem Vogel nachgebauten Segelflugapparat.
Im Großherzogtum Baden werden 1891 erstmals Frauen an der mathematisch-technischen Fakultät der Universität Heidelberg zugelassen.
Wilhelm Conrad Röntgen entdeckt 1895 die X-Strahlen (Röntgen-Strahlen).
In Athen finden 1896 die ersten Olympischen Spiele der Neuzeit statt.
Im gleichen Jahr beginnt in Berlin der Bau der Untergrundbahn.
1898 wird in Hannover die Deutsche Grammophon Gesellschaft gegründet, ein Unternehmen zur Produktion und zum Vertrieb von Schallplatten.
1900 ergibt eine Volkszählung, dass im Deutschen Reich 56 345 014 Einwohnerleben.

ZEITGENOSSEN VON ALBERT SCHWEITZER. EIN EPILOG
Vorwort
Geschichtlicher Rahmen
Zeitgenossen
Lebensdaten
Frühestens gegen Endes seines Lebens weiß ein Mensch, ob er Berühmtheit erlangt hat oder nicht. Manch einer erfährt zwar Nachruhm, erfährt es aber zu Lebzeiten niemals.
Welche von Albert Schweitzers Zeitgenossen mit großem Namen sind ebenfalls über 80 Jahre alt geworden? Bei meinen Nachforschungen habe ich mehr gefunden als zunächst erwartet und die Auswahl deshalb willkürlich eingeschränkt. Diese Auswahl enthält Persönlichkeiten, deren Geburts- und Sterbedatum max. 5 Jahre von denen Albert Schweitzers abweicht. Außerdem habe ich nur solche Berühmtheiten ausgewählt, denen er begegnet sein könnte und vielleicht auch tatsächlich begegnet ist.
Unter den Politikern, gekrönten Häuptern wären da Königin Wilhelmina von den Niederlanden, Konrad Adenauer und Winston Churchill zu nennen. Bei Churchill differieren die Eckdaten sogar nur um wenige Wochen, und er bekam nur ein Jahr nach Albert Schweitzer den renommierten Nobelpreis. Eine große Rolle spielten zu Schweitzers Lebenszeit auch Naturwissenschaftler, namentlich Atomphysiker und Erfinder: Otto Hahn, ein weiterer Nobelpreisträger, und Lise Meitner. Erwähnenswert ist vielleicht auch der Schriftsteller Hermann Hesse, ebenfalls mit dem Nobelpreis gekürt. Unter den Theologen und Religionswissenschaftlern dürfte Martin Buber ein Begriff sein. Und Carl Gustav Jung darf hier in meinen Augen als spirituelle Größe nicht fehlen.
Einige Zeitgenossen mit davon abweichenden Daten sollten mindestens noch genannt sein. In Zusammenhang mit Ehrungen hat er auf jeden Fall Theodor Heuss und dem norwegischen König Haakon die Hand geschüttelt. Und bekannt ist die Freundschaft, die ihn mit Albert Einstein verband. Im Bereich Musik spielte sein väterlicher Freund Charles Marie Widor eine herausragende Rolle. Ihm zu Liebe verfasste er für Franzosen ein Buch über den damals in Frankreich völlig in Vergessenheit geratenen Bach. Jean-Paul Sartre hingegen, obgleich ein Neffe 2. Grades, erwähnt er in seinen Büchern mit keinem Wort.
"Wie der Baum Jahr für Jahr dieselbe Frucht jedes Mal neu bringt,
müssen auch alle wertvollen Ideen im Denken der Menschheit
von Generation zu Generation neu geboren werden.
Albert Schweitzer
LEBENSDATEN VON ALBERT SCHWEITZER
VorwortGeschichtlicher Rahmen
Zeitgenossen
Lebensdaten
1. Jahrsiebt (1875-1881)
- 14.1.1875 - geboren in Kaysersberg
- Sommer 1875 - Umzug nach Günsbach
- 1880 - Vater lehrt ihn auf dem Tafelklavier von Großvater Schillinger zu spielen
- Okt. 1880 - Beginn der Dorfschulzeit zu Günsbach. Lesen und Schreiben lernt
er mit Mühe, kommt trotzdem leidlich mit
2. Jahrsiebt (1882-1888)
- 1883 - beginnt Orgel zu spielen
- 1884 - vertritt erstmals den Organisten im Gottesdienst
- Herbst 1884 - Realschulbesuch in Münster mit Privatunterricht in Latein als Vorbereitung aufs Gymnasium
- Herbst 1885 - Gymnasium zu Mülhausen (Quinta entspricht 6. Kl.)
sein kinderloser Taufpate Ludwig Schweitzer (Halbbruder des Großvaters) und
dessen Frau nehmen ihn auf, anders wäre seinem Vater die Finanzierung kaum
möglich gewesen; zunächst ist er ein schlechter Schüler. Gründe: träge und
verträumt sowie unzureichende Vorbereitung in Latein. Lieblingsfächer der Gymnasialzeit: Geschichte und Naturwissenschaften. Sprachen und Mathematik
kosteten ihn Anstrengung. Aufsätze fielen ihm leicht, gewöhnlich war er hier der Erste - Herbst 1886 - neuer Klassenlehrer Dr. Wehmann wurde zum Vorbild an Pflichterfüllung, erzieht zum richtigen Arbeiten (sein Unterricht ist immer sorgfältig vorbereitet), gibt Albert Schweitzer einiges Selbstvertrauen, Kontakt bis zu dessen
Tod gegen Kriegsende gehalten
Musiklehrer war Eugen Münch, Organist der St.-Stephans-Kirche, trägt die
allgemein erwachende Begeisterung für Bach weiter und sorgt ab...

3. Jahrsiebt (1889-1895)
- 1890 ..... für gediegenen Orgelunterricht
- 1891 - erster Theaterbesuch: von Richard Wagners Tannhäuser überwältigt
- 18.6.1893 - mittelmäßiges Reifezeugnis mit Auszeichnung in Geschichte
- Okt. 1893 - Parisaufenthalt bei älterem Bruder des Vaters
- Charles Marie Widor erteilt nur wegen ungewöhnlich gutem Vorspiel Orgelunterricht, den der Onkel finanziert
- Ende Okt.1893 - Universität Straßburg (damals in voller Blüte, durch keine Tradition gehemmt, deutsche Uni bevormundet wenig und ermöglicht. selbständiges wissenschaftliches Arbeiten); wohnt im theologischen Studienstift (Collegium Wilhelminatum) zu St. Thomas; hört zugleich in der theologischen und philologischen Fakultät; besonderes Interesse: Synoptiker und Geschichte der Philosophie. Musikförderung durch Ernst Münch, den Bruder seines Mülhauser Orgellehrers und Organist zu St. Wilhelm in Straßburg sowie Dirigent der von ihm begründeten Bachkonzerte (bedeutende Pflegestätte des aufkommenden Bachkults)
- 17.2.1894 - mit Mühe und Not das Hebraicum bestanden, später vertiefte er diese Kenntnisse (angespornt durch das Bestreben, auch das ihm nicht Liegende zu bewältigen)
- 1.4.1894 - Beginn des Militärjahres; sein Hauptmann gestattete fast täglich, ab 11 Uhr
in der Universität zu sein - Herbst 1894 - griechisches Testament und anderes Studienmaterial ziehen mit ins Manöver (er kennt kaum Müdigkeit). Prüfung über Synoptiker entscheidet über ein Stipendium.(will verehrten Dozenten nicht enttäuschen)
- "So wurde ich ... an der damals ... geltenden Erklärung ... und ... Auffassung des Lebens Jesu irre. Als ich aus dem Manöver nach Hause kam, hatten sich mirganz neue Horizonte aufgetan." Albert Schweitzer
4. Jahrsiebt (1896-1902)
- Pfingsten 1896 - Glück nicht als selbstverständlich hinnehmen: Entschluss zu einem Leben menschlichen Dienens nach dem 30. Lebensjahr
- 1896 - erste Wiederaufführung von Wagners Tetralogie in Bayreuth; Finanzierung der Reise durch nur 1 Mahlzeit am Tag
- Sommer 1897 - erste theol. Prüfung zum Abendmahl entscheidet über Examenszulassung (er beginnt der Frage nachzugehen, ob die Bedeutung jenes Mahls
für Jesus und die Jünger mit dem sehr bald erwarteten messianischen Reich in Zusammenhang stand) - 6.5.1898 - Bestehen des Staatsexamens in Theologie
- 1898 - bestandenes Examen ermöglicht ein Stipendium von 1200 Mark im Jahr für 6 Jahre (mit der Verpflichtung, den Grad des Lizentiaten der Theologie zu erwerben).
er will zuerst philosophische Dissertation über Kants Religionsphilosophie angehen
zieht aus dem Stift aus, besucht weiter Philosophievorlesungen; in Französisch verfasste Schrift zu Eugen Münchs frühem Tod ist sein erstes Druckwerk - Ende Okt. 1898 - Parisaufenthalt: hauptsächlich mit Kunst und Doktorarbeit beschäftigt
Widor unterrichtet ihn jetzt umsonst. Klavier bei Marie Jaell Trautmann, die Wert auf Bewusstheit der Finger legt (Hand völlig umgestaltet: zweckmäßiges, wenig zeitraubendes Üben). Klavier auch bei Philipp, der vor den Einseitigkeiten der Jaellschen Methode bewahrte; gute Gesundheit gestattete ausgiebige Nachtarbeit über Kantschen Texten - Mitte März 1899 - Straßburg: Besprechung der fertigen Arbeit
- Sommer 1899 - Berlin: philosophische und theologische Vorlesungen sowie Studien über Tonempfindung. Organist der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche bestellt ihn (später) als Vertreter; vom geistigen Leben Berlins stärker berührt als von dem in Paris:
Berlin: einfache Lebensweise der Berliner Gesellschaft und leichten Eingang in Familien, - Ach was! Wir sind ja doch nur alles Epigonen! schlägt wie Blitz in ihm ein: Beginn der Auseinandersetzung mit dem Niedergang unserer Kultur. Paris: durch Dreyfuss-Affäre zerrissen
- Ende Juli 1899 - Straßburg: mündliche Prüfung entsprach nicht Erwartungen seiner Prüfer: mehr Zeit in Experimenten und mit Originallektüre verbracht. Entschluss in Theologie statt Philosophie zu habilitieren. Privatdozent in Philosophie und Prediger in Personalunion, ist nicht gern gesehen, aber es ist sein inneres Bedürfnis, zu gesammelten Menschen von den letzten Dingen des Daseins zu reden
- 1. Dez. 1899 - Vorbereitung Lizentiatenprüfung: er beeilt sich, damit Stipendium frei wird und verzichtet auf Studien in Großbritannien. Predigtamt zu St. Nicolai als "Lehrvikar", nach 2. Prüfung Lehrvikar; wohnt als zahlender Gast weiter im Thomasstift
- 15. Juli 1900 - 2. theol. Prüfung knapp bestanden, da auf Dissertation konzentriert
- 21. Juli 1900 - Dissertation über das Abendmahlproblem: Lizentiat der Theologie;die Stellung erlaubt viel Freiheit für wissenschaftliche Arbeit und Musik:
- Frühjahr in Paris und Herbst im Vaterhaus, allgemein sind Alltag und Jahresablauf strukturiert und rhythmisiert,
- 1905 erste Begegnung mit Romain Rolland. In Paris hält er viele Vorträge über deutsche Schriftsteller "Ich arbeitete viel, in ununterbrochener Konzentration, aber ohne Hast."
- 1.5.-30.9.1901 - provisorischer Leiter des theol. Studienstifts (Coll. Wilhelminatum)
- 1902 - Arbeit über Leidens- und Messianitätsgeheimnis: Habilitation als Privatdozent an der Universität
- 1.3.1902 - Antrittsvorlesung vor theol. Fakultät zu Straßburg
- 1902 - verspricht Widor, im Herbst Aufsatz über Bachs Werk zu verfassen
5. Jahrsiebt (1903-1909)
- 1.10.1903 - Leiter des Collegium Wilhelminatum mit geräumiger Amtswohnung; will Kinder aufnehmen, was nicht klappt
- Herbst 1904 - Artikel der Pariser Missionsgesellschaft: sie sucht Mitarbeiter für nördlichste Kongokolonie
- 14.1.1905 - ringt mit sich, ob er es tun soll
- 1905 - J.S. Bach le musicien-poète erscheint
- ab 1905 - Leben-Jesu-Forschung inclusive Vorlesungen. Gründung der Pariser Bachgesellschaft mit anderen; daraus Verpflichtung, für einige Jahre im Winter
mehrmals in Paris Orgel zu spielen - Herbst 1905 - Vereinbarung über deutsche Bach-Ausgabe mit Verlag Breitkopf & Härtel. Briefliche Mitteilung über Entschluss für Medizinstudium an Familie und Freunde (13.10.), Auseinandersetzung mit deren Unverständnis und ablehnender Haltung; anschließend Beginn des Medizinstudiums. Abhandlung über Orgelbau, die einige Monate in Anspruch nimmt
- 1906 - es erscheint Deutsche und französische Orgelbaukunst und Orgelkunst
- 1906 - das Buch Von Reimarus zu Wrede findet in England Anerkennung, aber Einladung abgelehnt, da schon Medizinstudium und deutsche Ausgabe des Bach-Werks in Arbeit; beginnt langsam, sich mit der Lehre Pauli auseinanderzusetzen
- Fastnacht 1906 - Niederlegung des Amts als Stiftdirektor und Auszug aus der Amtswohnung
- Frühjahr 1906 - erst jetzt intensive Beschäftigung mit neuem Studium möglich
- Sommer 1906 - stellt fest, dass ihm Bach-Übersetzung ins Deutsche unmöglich, deshalb...
- Anf. 1908 - ...erscheint neu geschriebenes und wesentlich umfangreicheres deutsches Bach-Werk: J.S. Bach
6. Jahrsiebt (1910-1916)
- 13.5.1909 - Physikum (Tag, an dem die restaurierte Hohkönigsburg eingeweiht wird)
- 1911/12 - auf Betreiben eines New Yorker Verlegers und Widors: Ausgabe der Orgelwerke Bachs, diesmal mit Spielangaben, hierzu viele Parisfahrten notwendig; entwirft Manuskript über Mystik des Paulus
- Okt. 1911 - Das medizinische Staatexamen beginnt
- 17. Dez. 1911 - letzte Prüfung (Chirurgie)
- 1912 - einjähriges praktisches Volontariat beginnt. Paris: Studium der Tropenmedizin und Einkäufe für Afrika
- 18.6. 1912 - Heirat mit Helene Breßlau
- Herbst 1912 - beginnt, in die Leben-Jesu-Forschung Pauli-Forschungsergebnisse einzuarbeiten
- Dez. 1912 - Professoren-Titel von seiten des kaiserlichen Statthalters füranerkennenswerte wissenschaftliche Leistung
- Feb. 1913 - Fracht von 70 Kisten nach Bordeaux vorausgesandt; rechnet mit Kriegsgefahr: bevorzugt Geldreserve in Gold statt Scheinen
- März 1913 - Promotion: Die psychiatrische Beurteilung Jesu
- April 1913 - Aufgabe der Lehrtätigkeit an der Universität, nachdem Urlaub abgelehnt und Beendigung des Predigeramtes
- Karfreitag 1913 - Abreise mit Ehefrau Helene Breßlau nach Bordeaux
- 26.3.1913 - Einschiffung nach Lambarene, Fahrt dauert ca. 3 Wochen
- Spätherbst 1913 - Umzug von Hühnerstall in Wellblechbaracke als Arztpraxis
- 1913/14 - Ausarbeitung der 3 letzten Bände zur amerikanischen Bach-Ausgabe
- 5.8.1914 - Bekanntwerden des Kriegsausbruchs durchkreuzt Pläne heimzukehren
und baldiges Arbeitsverbot als Arzt; schon am 2. Internierungstag beginnt die Arbeit an der Kulturphilosophie - Ende Nov. 1914 - Aufhebung der Internierung auf Betreiben Widors, Arbeitsverbot schon vorher nicht durchführbar, da der nächste Arzt ca. 500 km weiter
- Sommer 1915 - plötzliches Umdenken von Kulturkritik zu aufbauender Idee, Zusammenhang zwischen Kultur und Weltanschauung wird klar
- Sept. 1915 - Fahrt ans Kap Lopez wegen angeschlagener Gesundheit seiner Frau
- 3.7.1916 - Mutter wird von Militärpferden zu Tode getrampelt
- 1916/17 - Regenzeit am Kap Lopez wegen Frau Schweitzers Gesundheit: hilft Arbeitern, Baumstämme aus dem Meer zu holen

7. Jahrsiebt (1917-1923)
- Sept. 1917 - Befehl, nach Europa für ein Gefangenenlager einzuschiffen. Skizzen der Kulturphilosophie einem zurückbleibenden Missionar anvertraut, Auszug auf französisch durch Kapitelüberschriften als Studie über Renaissance getarnt; auf dem Schiff Auswendiglernen von Orgelwerken, da Schreiben nicht möglich: Erste 3 Wochen in Bordeaux in Caserne de passage: Dysenterie (Ruhr) zugezogen, zum Glück Medikament dabei, trotzdem noch ca. 2 Jahre an den Folgen zu kämpfen. Interniertenlager von Garaison in den Pyrenäen: ein Tisch dient als Schreibunterlage und für Trockenübungen im Orgelspiel, Interessantes durch multikulturelles Zusammentreffen von Menschen und fast alle Berufe vertreten, dadurch viel gelernt; die meisten Gefangenen leiden unter Verdammnis zur Untätigkeit, Schweitzer ist einziger Arzt
(neben mehreren Zahnärzten), langer schwerer Winter: die meisten Räume nicht beheizbar, Ehefrau erholt sich relativ in Höhenluft - Anf. 1918 - Notablen sollen in Repressalienlager verschickt werden: viele entpuppen sich als Hochstapler
- Ende März 1918 - Überführung ins Lager für Elsässer von St. Rémy in der Provence:
eher homogene Menschenansammlung, auch beruflich, trifft mehrere alte Bekannte wieder, er wird Lagerarzt, als sein Vorgänger ausgetauscht wird, Ehefrau verträgt Mistral schlecht, beide für stramme Spaziergänge körperlich zu geschwächt ;
jahrelangen Briefkontakt zum Lagerdirektor gehalten - 14./15.7.1918 - in der Nacht Entlassung als Austauschgefannger: Skizzen über Kulturphilosophie bestehen Zensur, ab Konstanz wird das Hungerelend sichtbar: blass, ausgemergelt, abgestumpft
- Sommer 1918 - Bahnfahrt endet in Colmar: 15 km zu Fuß bis Günsbach im noch militärischen Operationsgebiet; extreme Trockenheit: verdorrte Felder
- Sept. 1918 - Darmoperation (Dysenterie)
- Herbst 1918 - anschl. Assistenzstelle im Bürgerspital und wieder Vikar in St. Nicolai; nach Waffenstillstand: häufige Fußmärsche nach Deutschland, um hungernde Freunde
zu versorgen - ab 1919 - Beschäftigung mit Weltreligionen
- 14.1.1919 - Tochter Rhena kommt an seinem Geburtstag zur Welt
- Sommer 1919 - 2. Darmoperation
- Okt. 1919 - mühevoll wieder Pass erhalten: hört Orgelkonzert in Barcelona
- Frühjahr 1920 - Ehrendoktor-Titel der theol. Fakultät Zürich
- nach Ostern 1920 - Schwedenreise: Vorlesungen in Upsala über Welt- und Lebensbejahung und Ethik in Philosophie und Weltreligionen, erholt sich dort und wird wieder arbeitsfroher Mensch. Weitere Vorlesungen und Orgelkonzerte in Schweden, um Schulden abzutragen
- Sommer 1920 - erhält sein Afrika-Manuskript: Ausarbeitung von Zwischen Wasser
und Urwald. Verleger begrenzt Umfang: seither Bemühung um 'Sparsamkeit im Ausdruck' - 1921 - Zwischen Wasser und Urwald erscheint erst auf Schwedisch, dann deutsch, später in weiteren Übersetzungen
- Palmsonntag 1921 - Uraufführung der Bachschen Matthäuspassion mit ihm an der Orgel
- April 1921 - Aufgabe beider Arbeitsverhältnisse, um nur mit Feder und Konzerten Unterhalt zu bestreiten. Umzug mit Familie zu Vater ins Günsbacher Pfarrhaus
- ab Herbst 1921 - Schweiz, Schweden, Großbritannien: Konzerte und Vorlesungen
- Sommer 1922 - Günsbach: Fortsetzung der Arbeit an Kulturphilosophie
- ab Herbst 1922 - Schweden, Dänemark, Prag: Konzerte und Vorlesungen
- 1923 - Entscheidung, nach Afrika zurückzugehen - ohne seine Frau, die damit einverstanden ist. Kurse über Geburt, Zahn- und Tropenmedizin. Hausbau in
Königsfeld im Schwarzwald für Frau und Tochter - Frühjahr 1923 - Verfall und Wiederaufbau der Kultur und Kultur und Ethikerscheinen
- Sommer 1923 - Plan eines Zürcher Psychoanalytikers, Kindheits- und Jugenderinnerungen in schweizer Jugendzeitschrift zu veröffentlichen
- Herbst 1923 - Inflation, daher Papiermangel , Druckunterbrechung der beiden Bücher

8. Jahrsiebt (1924-1930)
- 14.2.1924 - 2. Abreise nach Lambarene nach 7 jähriger Abwesenheit: die meisten Gebäude verfault, Pfade von Pflanzen überwuchert,
- 1924 - dadurch morgens Arzt, nachmittags Baumeister; durch wieder aufblühenden Holzhandel wenig Arbeiter. Aus meiner Kindheit und Jugend geht in Druck
- 1924/25 - ständige Zunahme der Kranken: lässt erstmals 2 Pfleger und 2 Ärzte aus Europa kommen
- 1925 - Vater stirbt hochbetagt
- Herbst 1925 - Wiederaufbau beendet: reicht für 50 Kranke plus Begleiter. Ruhr-Epidemie: dadurch massive Unterbringungsprobleme
- ab 1926 - 3 km stromaufwärts: Anlegung eines Pfahlbaudorfs in Wellblechbaracken; anschl. Urbarmachung des Umlandes, um Obstplantagen anzulegen, auch als Maßnahme gegen Nahrungsmittel-Diebstahl
- 21.1.1927 - Umzug der Kranken beginnt
- April 1927 - Übergabe der weiteren Bau-Aufsicht an neue weibliche Mitarbeiterin,
- auch spätere Bau-Überwachungen überlässt er nur noch Frauen
- 21.7.1927 - Abreise nach Europa, nur Emma Hausknecht bleibt als Pflegerin zurück
- 1927-29 - viele Konzert- und Vortragsreisen in Europa, sonst bei der Familie im Schwarzwald; erste Schallplattenaufnahmen in Großbritannien. Organisation des
häufigen Personalwechsels in Lambarene (Ärzte und Pfleger) und der Spendenzugänge; freie Zeit: Arbeit an der Mystik des Apostel Paulus - 28.8.1928 - Goethe-Preis der Stadt Frankfurt
- 1929 - Haus in Günsbach aus Goethe-Preis finanziert (eine Art europ. Zentrale für Lambarene)
- Dez. 1929 - 3. Fahrt nach Lambarene: mit Ehefrau und neuem Personal
- 1930 - Mystik des Apostels Paulus ist fertig gestellt. Bekanntheit des Spitals wächst
auf mehrere hundert Kilometer im Umkreis: manche sind wochenlang unterwegs; neue Ruhr-Epidemie lässt neues Spital wieder zu klein erscheinen; lehnt Ruf an die Universität Leipzig ab - Ostern 1930 - Abreise von Helene Schweitzer wegen Klima-Unverträglichkeit
9. Jahrsiebt (1931-1937)
- 1931 - Aus meinem Leben und Denken wird veröffentlicht. Abreise nach Europa
- 1933/34 - 4. Afrika-Aufenthalt
- 1935 - 5. Afrika-Aufenthalt: nur 7 Monate. Die Weltanschauung der indischen Denker kommt heraus
- 1936 - Schallplattenaufnahmen in Straßburg
Jenseits des 9. Jahrsiebts (1938-1965)
- 1937-48 - Lambarene
- 1938 - Afrikanische Geschichten erscheint
- 1939 - für 12 Tage im Elsass, das er wegen Kriegsstimmung schneller verlässt als geplant
- 1940 - Kämpfe um Lambarene zwischen Truppen de Gaulles und Vichy-Regierung: Spital wird geschont
- 1941- 46 - Ehefrau Helene kommt über Umwege nach Lambarene
- 1942 - Hilfssendungen aus den USA treffen ein
- 1949 - Einladung nach Colorado, USA, um Rede zu Goethes 200. Geburtstag zu
halten: Goethe, der Mensch und das Werk - Nov.1949 - Mai 51- Lambarene, bis Juni 1950 mit seiner Frau
- 1950 - 4 Reden über Goethe gehen in Druck
- 1951 - Ein Pelikan erzählt aus seinem Leben erscheint
- 16.9.1951 - Friedenspreis des deutschen Buchhandels
- Ende 1951 - Schwedenreise
- Dez 1951-Juli 1952 - Lambarene
- Sept. 1952 - Schallplattenaufnahmen in Günsbach
- 30.9.1952 - Verleihung der Paracelsus-Medaille, erste medizinische Ehrung
- Dez.1952 - Mai 1954 - Lambarene
- Mai 1953 - Lepradorf entsteht
- Okt. 1953 - Friedensnobelpreis rückwirkend für 1952: Preisgeld erlaubt 'Lepradorf
aus einem Guss' - 1954 - letzter Auftritt als Organist: Bach-Konzert in Straßburger Thomaskirche
- Dez 1954 - Juli 1955 - 11. Afrika-Aufenthalt, mit Ehefrau Helene
- Mai 1955 - Fertigstellung Lepradorf
- Herbst 1955 - Reisen nach England, Frankreich, Deutschland, Schweiz
- 11.11.1955 - Entgegennahme der Insignien des Ordens Pour le Mérite in Bonn
- Jan.1956 - Juli 1957 - Lambarene, mit Ehefrau Helene
- 1956 - 61 - erste Gesamtausgabe seiner Werke: in Japan (19 Bände)
- 23.4.1957 - Radio Oslo sendet Aufruf gegen Gefahren der Kernwaffenversuche
- 22.5.1957 - Helene Schweitzer verlässt Lambarene
- 1.6.1957 - sie stirbt mit 78 Jahren
- Sommer1957 - Bruch des rechten Mittelhandknochens: starke Behinderung
- Dez.1957 - Aug.1959- Lambarene
- 25.1.1958 - setzt Steinkreuz mit eigenhändig geritzten Lebensdaten auf Urnengrab
seiner Frau - April 1958 - 3 Radio-Appelle gegen Atomgefahren: Friede oder Atomkrieg
- Herbst 1959 - letzte Europa-Reise: Dänemark, Deutschland, Paris, Brüssel, Rotterdam
(spätere Reise-Pläne werden nicht mehr ausgeführt). Kopenhagen: Entgegennahme des Sonning-Preises, in Lambarene investiert - Nov. 1959 - Reisen nach Paris, Brüssel, Rotterdam
- 23.7.1960 - auf dem ersten Briefmarkensatz der neugegründeten Republik Gabun erhält eine sein Porträt
- 14.1.1965 - Besucher aus aller Welt kommen zum 90. Geburtstag
- 1965 - Bauten, Korrespondenz und Abschluss der kritischen Ausgabe von J.S. Bachs Präludien und Fugen für Orgel
- 27.8.1965 - letzter Brief: 'Gesundheitlich geht es mir gut'.
- - in den Folgetagen zunehmende Ermattung
- 4.9.1965 - kurz vor Mitternacht in Lambarene gestorben
Kurzfassung
| 1875 | 14. Januar Geburt in Kaysersberg im Oberelsass Anfangs Juli Umzug der Familie Schweitzer nach Günsbach |
|---|---|
| 1893 | Studium der Theologie und der Philosophie, dazu Musiktheorie |
| 1898 | 1. theologisches Examen, Musikunterricht bei Charles Marie Widor |
| 1899 | Doktor der Philosophie |
| 1900 | Doktor der Theologie |
| 1902 | Professor der Theologie in Strassburg |
| 1903 | Direktor des Stifts St. Thomas |
| 1905 | Beginn des Medizinstudiums |
| 1912 | Heirat mit Helene Bresslau |
| 1913 | Doktor der Medizin. Ausreise nach Lambarene |
| 1914 | Internierung in Lambarene |
| 1915 | Er findet den Ausdruck "Ehrfurcht vor dem Leben" |
| 1918 | Rückkehr ins Elsass |
| 1924 | Rückkehr nach Lambarene |
| 1927 | Verlegung des Spitals |
| 1928 | Goethe-Preis der Stadt Frankfurt a.M. |
| 1949 | Reise nach Amerika |
| 1953 | Friedens-Nobelpreis fuer 1952 |
| 1965 | 4. September: Tod in Lambarene |